Diplomarbeit von Kerstin Liekenbrock: Selbstregulation, FH Mannheim 2002
Inhalt
         3.3. Abgrenzung der psychoanalytischen Pädagogik bezüglich der antiautoritären Erziehungsbewegung

      4. Gemeinsamkeiten und Divergenzen zwischen S. Freud, der psychoanalytischen Pädagogik und W. Reich
      5. Individuelle und psychotherapeutische Grundlagen des Prinzips der Selbstregulation von W. Reich
         5.1. Das Schichtmodell des modernen Kulturmenschen
         5.2. Was versteht man unter der "Panzerung" des Menschen?

      5.3. Freie Pulsation als Grundfunktion des lebendigen Organismus und der Entstehungsprozess chronischer Panzerung



4. Gemeinsamkeiten und Divergenzen zwischen S. Freud, der psychoanalytischen Pädagogik und W. Reich

Die psychoanalytische Pädagogik entwickelte sich, wie bereits erwähnt, parallel mit den frühen Erkenntnissen der Psychoanalyse. Die Grundlagen, sowie das praxisbezogene Basiswissen des psychoanalytischen Denkens und Forschens wurzeln in der wissenschaftlichen Produktivität der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (1902 - 1938). Innerhalb dieses Zusammenschlusses kam es jedoch zu heftigen, thematischen Kontroversen, welche zur Folge hatten, dass viele Freud-Schüler sich von den "reinen", ursprünglichen Freudschen Theorien distanzierten, um eigene Theorien weiterzuverfolgen. So entstanden in dieser Zeit zahlreiche Splittergruppierungen; eine Entwicklung, welche sich als förderlich erwies, da die Vielzahl der Meinungsdifferenzen auch fruchtbare Dialoge anregte.

Wilhelm Reich wurde 1920 Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Dort traf er auf Sigmund Freud. Die Person Freuds, wie auch seine Arbeiten, beeindruckten den jungen Reich zutiefst, sie bildeten die Basis seiner weiteren Forschungen und prägten damit seine eigenen Werke nachhaltig. Auch Freud hielt zu dieser Zeit große Stücke auf Reich und schätzte ihn als einen seiner hervorragendsten Assistenten. Reich sammelte in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung wertvolle analytische Erfahrungen und regte 1922 zu der Gründung eines technisch-therapeutischen Seminars an, an welchem systemische Studien individueller Fälle in analytischer Behandlung diskutiert werden sollten (von 1924 - 1930 übernahm Reich die Leitung dieses Seminars). Hier wird erkennbar, dass Reich durchaus als konventioneller Psychoanalytiker anfing und erst nach und nach zum "Steckenpferdreiter" wurde, als den ihn Freud zu späteren Jahren ironisch glossierte.

Seit 1928 wurden unüberbrückbare Differenzen bezüglich der wissenschaftlichen Weiterentwicklung der Psychoanalyse deutlich, welche es zwischen Reich und Freud gab. Reich distanzierte sich in dieser Zeit von Freud und siedelte zwei Jahre später nach Berlin um. Dass Freud ihn trotz dieser Differenzen noch immer sehr geschätzt haben musste, zeigt die Tatsache, dass er ihm den Posten des stellvertretenden Direktor der Berliner Psychoanalytischen Poliklinik anvertraute, welcher die Leitung des technischen Seminars, d.h. die Ausbildung der Analytiker beinhaltete.

An der Entwicklung der psychoanalytischen Pädagogik war Reich anfangs maßgeblich beteiligt. Bereits 1926 publizierte er eine Aufsatzreihe mit dem Titel "Eltern und Erzieher - Der Erziehungszwang und seine Ursachen". Darin setzte er sich intensiv mit den Vorstellungen und Zielsetzungen der psychoanalytischen Pädagogik auseinander. Reich prägte die psychoanalytische Pädagogik entschieden mit und sie kann daher als das Grundfundament gesehen werden, auf dem W. Reich später sein Erziehungstheorem, das Prinzip der Selbstregulation, spezialisiert.

Die gemeinsamen Wurzeln von S. Freud und W. Reich lagen in dem ursprünglich energetischen Konzept Freuds, der Libidotheorie. Freud ging Anfang der 20er Jahre davon aus, dass die Libido in unmittelbarem Zusammenhang steht mit psychischer Krankheit und dass keine Krankheit auftritt, wenn diese affektiven, sexuellen Energien adäquat abreagiert werden können. Angst war hierbei das Ergebnis umgewandelter, nicht abgeführter Libido, d.h. sie entstand aus der Verdrängung der sexuellen Energie ins Unbewusste. Freud stieß jedoch im Rahmen seiner Arbeiten zur Libidotheorie auf drei grundlegende Probleme, welche er nicht zu klären vermocht hatte: "1. die Beziehung zwischen Sexualspannung und Lusterleben, 2. die biologischen Vorgänge, in denen das Wesen der Sexualität besteht und 3. die Beziehung von sexueller Erregung und Angstneurose" (Kriz, 1989: 34)

Freud wand sich später (eventuell aus Opportunismus oder als Art Kapitulation vor diesen Problemen) von seiner frühen Trieblehre ab und konzentrierte sich zukünftig auf die gesellschaftlich konform laufende Entwicklung der Ich- Psychologie.

W. Reich setzte hingegen die ursprüngliche Forschungsarbeit Freuds konsequent fort und stellte speziell die energetischen Aspekte der Libidotheorie in den Vordergrund seiner damaligen Arbeit; präziser gesagt, er untersuchte die Prozesse der Abfuhr und Speicherung von Energie, welche für die Manifestation neurotischer Störungen verantwortlich sind. Dabei erarbeitete er auf jedes der drei Probleme Freuds Antworten (vergleiche hierzu Punkt 6.1) und entwickelte als eigenständige Richtung die charakteranalytische Vegetotherapie, später dann psychiatrische Orgontherapie, sowie in Bezug auf die erziehungspraktische Umsetzung, das Prinzip der Selbstregulation.

Seit dieser Spaltung zwischen Reich und Freud kam es folglich zusehends zu Unstimmigkeiten in der bis dahin gemeinsamen analytischen Forschungsarbeit.

Sigmund Freud hatte den Sexualitätsbegriff der damaligen Zeit stark revolutioniert. Während vor Freud die Sexualität als rein genitale Erfahrung betrachtet wurde, differenzierte Freud mit dem Begriff der "Libido" die verschiedenen Formen, in denen sich der Trieb ausdrückt. Die Libido ist folglich nicht nur das Verlangen und der Vollzug von Sexualität, sondern die dahinterstehende Energie des Sexualtriebes. Dennoch definierte Freud unter der reifen Sexualität den vollständig vollzogenen Koitus, welcher durch den Orgasmus endet, und der durch die Überwindung der Partialtriebe gekennzeichnet ist (vergl. Selg 1979: 29 f.).

Wilhelm Reich ging in diesem Punkt wesentlich weiter, er betonte hierbei besonders die qualitativen Unterschiede der genitalen Vereinigung. Er erweiterte den Begriff der Sexualität, in dem er ihn durch die "orgastische Potenz" definierte. Gemeint ist hierbei nicht die Tatsache körperlich zum Orgasmus zu kommen, sondern um die Fähigkeit eine sehr viel tiefer reichende emotionale und körperliche Befriedigung erlangen zu können. Es geht "um die Fähigkeit, sich dem Strömen der biologischen Energie, die sich vornehmlich in unwillkürlichen Muskelkontraktionen entlädt, ohne Hemmungen und Blockierungen hingeben zu können, umfasst also die gesamte Beziehung eines Menschen zu seinem Körper und zu seinem Partner" (Kriz 1989: 81).

In diesem Zusammenhang ist zudem relevant, dass Freud annahm, das Geschlechtsorgan, die erogene Zone, setze eine gewisse Menge von sexueller Energie frei, also ein körperlicher Vorgang, welcher zu einem psychischen Reiz wurde. Reich betonte hingegen die Psycho- somatische Einheit, die Körper-Seele-Einheit. Er verstand den Körper und die Seele als einen parallel laufenden Prozess, welcher sich gegenseitig bedingt und wechselseitig ineinander eingreift. Diesem dynamischen Dualismus untersteht, nach Reich, natürlich auch die Sexualität.

Bezüglich der Analyse von Neurosen gewann Reich die Überzeugung, dass es keine neurotischen Symptome ohne eine Erkrankung des Gesamtcharakters gebe (Charakterneurose); deshalb sei es wichtig die Gesamtpersönlichkeit des Patienten zu erfassen, mit allen seinen non- verbalen Ausdrucksmitteln. Freud verstand hingegen neurotische Symptomatik als eine Art Fremdkörper im sonst intakten Seelenleben; die Neurose war also primär ein Erinnerungsproblem, bei dem er sich auf isolierte Systeme und Symptomatologie konzentrierte (vergl. Roazen, 1997: 480).

Von besonderer Bedeutung sind auch die Meinungsdifferenzen in der Frage, ob Sexualunterdrückung kulturnotwendig sei.

Freuds kulturphilosophischer Standpunkt bezüglich dieser Frage war (in späteren Jahren) eindeutig bejahend. Er unterstrich in diesem Punkt die Notwendigkeit der Sublimierung sexueller Energien, um dadurch in einer sozialen, kultivierten Gesellschaftsform existieren zu können (man beachte hierbei Freuds negative Grundhaltung, und Wertigkeit bezüglich der Sexualität; eine wahrhaft humane, freie und schöpferische Sexualität hätte demnach in unserer Gesellschaft keinen Platz). Offen blieb hingegen die Frage, wie sich die Wandlung eines Triebimpulses mit sexuellem Ziel in einen Impuls vollziehen soll, der in der Arbeit sich nicht nur verausgabt, sondern eine vollständige Befriedigung zu finden in der Lage sein soll (vergl. Zimermann, 1995: 68).

Auch seine Definition von Sublimierung unterschied sich erheblich von der S. Freuds. Reich sah in der Sublimierung keine Konkurrenz zwischen sexueller Triebkräfte und Arbeitsleistung. Vielmehr steht sie in wechselseitiger Interaktion zueinander. "Die Beziehung zwischen Sexualunterdrückung und Sublimierung ist keine mechanische (je mehr Sexualunterdrückung, desto mehr soziale Leistung), sondern eine funktionelle: bis zu einem gewissen Grade kann die sexuelle Energie sublimiert werden. Geht die Ablenkung zu weit, so schlägt die Förderung der Sublimierung in ihr Gegenteil, in eine Störung der Arbeitsfähigkeit um" (Reich, 1986 : 137). Er sah grundsätzlich keinen Gegensatz zwischen Sublimierung sexueller Energien und der sexuellen Befriedigung, sofern Sublimierung nicht als Sexualunterdrückung (in Form von Abwehrmechanismen z.B. Angst, Ekel, Scham ect.) missverstanden werde.

"Die analytische Pädagogik und Therapie versucht die Verdrängung der Sexualität zu beheben. Was geschieht, so lautet die nächste Frage, mit den Trieben, die aus der Verdrängung befreit sind? Die analytische Auskunft war: Die Triebe werden verurteilt und sublimiert. Von realer Befriedigung war keine Rede und konnte keine Rede sein, weil das Unbewusste als das Inferno asozialer und perverser Regung allein aufgefasst war." (Reich 1987 : 163)

Reich zweifelte an den Erzieherforderungen der psychoanalytischen Pädagogik, da diese, seiner Ansicht nach, auf einem grundsätzlichen Irrtum der Beurteilung der Sexualität beruhte. In Bezug auf die in der psychoanalytischen Pädagogik geforderte Sublimierung kindlich, sexueller Bedürfnisse, vertrat er die Auffassung, dass sich der Trieb zunächst einmal entfalten muss, ehe er sublimiert werden kann. Es bestehe ansonsten die Gefahr, dass sich frühe Versagungen sozial schädlich auswirken können. (vergl. Reich, 1926)

Im Zusammenhang mit den soziologischen Studien Reichs, kritisierte er Freuds Thesen bezüglich des Ödipuskomplexes. Er vertrat die Auffassung, dass nur die Auflösung der bürgerlichen Familie zum Verschwinden des Ödipuskomplexes führen könne ("und z.B. die Erfahrungen der israelischen Kibbutzim sollte später beweisen, dass er recht hatte", P. Roazen 1997 : 481)

Kein Einvernehmen bestand zudem in der Freudschen Todestriebtheorie. Freud hatte der Libido den Todestrieb gleichberechtigt zur Seite gestellt, er ging davon aus, dass manche Menschen einen scheinbar unüberwindbaren psychischen Widerstand gegen die eigene Gesundung entwickelten (vergleiche dazu auch Punkt 2.5.2.). Für W. Reich erwiesen sich seelischen Äußerungen, die als Todestrieb gedeutet werden konnten, als "Produkte einer Neurose". Durch die Weiterentwicklung der therapeutischen Technik gelang es Reich, solche Widerstände aufzulösen (Widerstandsanalyse), und er war damit im Stande, tiefere Schichten von verdrängten Impulsen freizulegen. Gemäß dieser Erfahrungen erkannte Reich, dass im Kern menschlicher emotionaler Strukturen keine destruktiven Impulse vorhanden sind; die irrationale Destruktivität war für ihn ein kulturelles Produkt, welches sich als sekundärer Trieb aus der kulturellen Sexualunterdrückung ergeben habe.

Wenn man eine Sentenz bezüglich der Disposition Freuds und Reichs aufstellen wollte, könnte sie wie folgt lauten: bei Freud "Wo Es war, soll Ich werden (ein Über-Ich gesteuertes Ich)" und bei Reich "Wo Über-Ich war, soll Ich werden" (wobei Reich zum Ziel hatte, es gar nicht soweit kommen zu lassen)

Wilhelm Reich stieß im Rahmen seiner Forschungen auf einen inneren Widerspruch in der Psychoanalyse, den man bis dahin und auch bis heute weitgehend verdrängte. Er hinterfragte die Psychoanalyse (die eine Nacherziehung des "neurotischen" Klienten sein will) nach dem Ziel der Erziehung bzw. dem Kriterium der Heilung. Es gab keinen Begriff von seelischer und sexueller Gesundheit, auf den hin die Therapie auszurichten sei. Die Zielsetzung der Psychoanalyse war (und ist oftmals auch heute noch) das möglichst reibungs- und konfliktlose Funktionieren des Individuums in der gegebenen gesellschaftlichen Umwelt. Reich kritisierte diese normative Anpassung des Menschen an der gesellschaftlichen Situation. Wer in der gegebenen gesellschaftlichen Realität symptomfrei funktionierte, musste nach seiner Auffassung keineswegs als gesund gelten. Er orientierte sein Therapieziel nicht an beliebigen, historisch gewachsenen oder gesetzten Kriterien, sondern an psycho-physiologisch gegebenen Gesetzmäßigkeiten; er konzipierte die "orgastische Potenz" als ein Therapieziel.

Auch die Psychoanalytische Pädagogik wollte das Kind nach ihren sozialen und gesellschaftlichen Idealen "umerziehen", wobei Reich auch in diesem Punkt nicht von äußerlichen Kriterien ausging, sondern vom biologischen Kern des Kindes.

Freuds Menschenbild geht, vereinfacht dargestellt, davon aus, dass das Kind bzw. der Mensch, von seinem Ursprung her (dem Unbewussten, dem Es), ein wildes und schwer zu kontrollierendes Wesen ist, welches es gilt, im Rahmen seiner Sozialisation (Erziehung) normativ anzupassen und zu zähmen. Das Menschenbild Reichs hingegen ist wesentlich lebenspositiver und humanistischer.

5. Individuelle und psychotherapeutische Grundlagen des Prinzips der Selbstregulation von W. Reich

5.1. Das Schichtmodell des modernen Kulturmenschen

" Wenn ihr die Natur nicht zuerst unterdrückt, werden keine antisozialen Triebe hervorgebracht, und es ist auch kein Zwang nötig diese zu unterdrücken. Was ihr so verzweifelt und dennoch ergebnislos versucht durch Zwang und Ermahnung zu erreichen, ist im Neugeborenen schon da, bereit zu leben und zu funktionieren. Lasst es wachsen wie es seine Natur erfordert und ändert eure Institutionen dementsprechend"

(Reich 1950 : 44)

Der Mensch untergliedert sich, nach der Auffassung Reichs, in drei Schichten: Einem zentralen Mittelpunkt, welcher die primäre Urkraft des Menschen in sich birgt, als zweite Schicht das Innere oder auch Unbewusste und das Erscheinungsbild bzw. die äußere Hülle des Menschen als dritte Schicht.

Die erste Schicht lässt sich als das Zentrum, den biologischen Kern des Menschen verstehen. Dieser beinhaltet die primären, natürlichen und lebensbejahenden Impulse, d.h. einfache, spontane und aufrichtige menschliche Strebungen. Aus diesem Kern heraus, sah Reich das Kind von seiner Existenz an, als ein Wesen, welches von seinem Ursprung her ganz der Welt zugewandt und in der Lage ist, seine Primärimpulse und Grundbedürfnisse offen und lustvoll nach außen zu richten. Es besitzt volle Kontakt- und Liebesfähigkeit. Folglich war es Reichs Überzeugung, dass der Mensch durch natürliches Wachstum zu einem sozialen und liebevollen Wesen wird, der besten Falles, auch in späteren Jahren noch, in der Lage sein wird, aus seinem Zentrum heraus zu leben, was bedeuten würde, dass er authentisch mit sich selbst ist und der jeweiligen Situation und seiner individuellen Prägung nach angemessen seinen Gefühlen Ausdruck verleihen kann (Fähigkeit zu Intimität und Liebe, zur Lust, zum Hass, Wut, Trauer Freude ect.).

Durch traumatische Erfahrungen oder repressive Erziehungsmethoden, bei denen das Kind genötigt wird seine Grundbedürfnisse und Primärimpulse zu unterdrücken, entstehen verzerrte, oft destruktive Impulse (z.B. antisoziale Handlungen). Diese negativen Affekte kommen in der zweiten Schicht des Menschen zu Tage. D. Boadella bezeichnet sie als "gefährliche, groteske und irrationale Impulse und Phantasien der alptraumhaften Welt des Freudschen verdrängten Unbewussten" (D. Boadella 1988 : 47). Aus Lebensfreude wird Lebensangst, aus natürlicher Sexualität wird pornographisches Denken oder aus natürlichen Aggressionen wird Destruktivität. Diese zweite Schicht ist ein Kunstprodukt unserer Gesellschaft, sie ist unbewusst und wird, wenn überhaupt, als innere Leere empfunden.

Im Interesse einer einigermaßen funktionierenden Gesellschaft, ist es teilweise jedoch notwendig, die Sekundärimpulse der zweiten Schicht zu unterdrücken. Diese pervertierten, destruktiven Impulse prallen meist recht schnell zusammen mit äußerem Druck, mit Strafe oder Ablehnung. Aus dieser Doppelunterdrückung entwickelt sich dann die dritte Schicht, die soziale Fassade und die Anpassung, verbunden mit ihrer unaufrichtigen Haltung von künstlicher, zwanghafter Freundlichkeit, Nachgiebigkeit und Gleichgültigkeit (aus Reich 1987 : 175 f., D. Fuckert 1995 : 71f.).

5.2. Was versteht man unter der "Panzerung" des Menschen?

"Jede muskuläre Verkrampfung enthält die Geschichte und den Sinn ihrer Entstehung" (Reich 1987: 227)

Freud, wie auch Reich betonten, dass im Rahmen der Psychoanalyse ein Symptom nur verschwinden könne, wenn auch der unmittelbar begleitende Affekt wachgerufen werde. "Doch die Erinnerung führt oft nicht zum Affekt, weil, so Reich, nicht nur einzelne Widerstände, sondern auch charakterliche Haltung, wie übergroße Freundlichkeit, Anhänglichkeit, übermäßige Affektiertheit, chronische Melancholie, Zwanghaftigkeit oder überforsches Auftreten sie blockieren" (Schrauth u. Geuter 1997: 94) Die Gesamtstruktur dieser abwehrenden Charakterzüge- bzw. widerstände nannte Reich "Charakterpanzer".

Im Rahmen seiner psychoanalytischen Behandlungen fiel Reich zudem auf, dass Patienten jedes Mal, wenn die Assoziationen ins Stocken gerieten, eine starre Ausdrucks- bzw. Körperhaltung annahmen, jeder auf seine speziell individuelle Art, aber das Gemeinsame lag in der zunehmenden Starrheit.

Für Reich trat nun zusehends das nonverbale Verhalten und der Gefühlsausdruck in den Vordergrund, was ihn von der Charakteranalyse zur Körperanalyse führte. Er stellte fest, dass gewisse Charaktereigenschaften und emotionale Blockaden oft mit bestimmten Körperhaltungen einhergehen und dass der Charakterpanzer (der auf der psychischen Ebene, sich als ein in bestimmter Weise erstarrtes Verhaltensmuster präsentiert) mit der Körperpanzerung (ein in bestimmter Weise erstarrter körperlicher Ausdruck) in unmittelbarem Zusammenhang stehen und funktionell identisch sind (halsstarrige Patienten haben z.B. oftmals eine stark verspannte Nackenmuskulatur; ängstliche, gehemmte Patienten atmen zumeist sehr flach usw.).

In dieser psychosomatischen Einheit manifestiert sich jede emotionale Unterdrückung auch körperlich und jedes körperliche Trauma äußert sich gleichzeitig auch psychisch. Eine Traumatisierung bleibt so lange im Körper, bis sie seelisch verarbeitet und emotional ausgedrückt werden kann und so vom Körper wieder losgelassen wird. Je nach Alter des Kindes/Menschen und nach der Schwere der Traumatisierung, wird der Schmerz entsprechend komprimiert, d.h. er verfestigt sich, verbunden mit einer Verhärtung der Muskulatur - es kommt zu einer psychischen, wie physischen Erstarrung, der Panzerung.

Diese Panzerungen haben die Funktion, starke, schmerzliche Gefühle und die damit verbundenen Affekte zu binden oder abzuwehren, sie mildern den Druck der Verdrängung und bieten Schutz gegen überwältigende Gefühle wie Hilflosigkeit, Wut, Ohnmacht, Angst ect.; Panzerungen besitzen daher eine gewisse Überlebensfunktion.

Panzerungen binden jedoch auch Energien und stören somit den freien Energiefluss des Menschen; damit schränken sie auch massiv die Lebendigkeit, Flexibilität, Genuss- und Lustfähigkeit ein.

Panzerungsmechanismen können unterschiedliche Erscheinungsformen haben: Zum einen die Veränderung der Muskulatur (Hyper- oder Atonie); aber auch Abspaltungsmechanismen mit funktionellen und nachfolgenden strukturellen Gehirnveränderung (vor allem bei frühkindlichen und/oder posttraumatischen Störungen wie Psychose, Autismus, Borderline bzw. Persönlichkeitsstörungen und dissoziativen Störungen). (vergl. D. Fuckert 1999)

Fast jedes Kind erfährt im Laufe seiner embryonalen und frühkindlichen Entwicklung mehr oder weniger gravierende Traumata und panzert sich gegen diese Erfahrungen ab. Der Organismus versucht sich meist selbstregulatorisch, durch Wiedererinnern (Flash-Backs) und durch emotionalen Ausdruck von dem jeweiligen Trauma bzw. einem Teil davon zu befreien. Jedoch verlaufen Panzerungen durch immer wiederkehrende Frustrationen von primären Bedürfnissen oftmals chronisch und dies gestaltet eine Auflösung derselbigen im nachhinein schwierig.

Lt. Reich ist "Gesundheit" demnach kein Zustand, der allein durch das Fehlen von Krankheit definiert ist. Auf dieser ganzheitlichen Grundlage entwickelte er die Vegetotherapie (welche er später psychiatrische Orgontherapie nannte).



Diplomarbeit von Kerstin Liekenbrock: Selbstregulation, FH Mannheim 2002
Inhalt
         3.3. Abgrenzung der psychoanalytischen Pädagogik bezüglich der antiautoritären Erziehungsbewegung

      4. Gemeinsamkeiten und Divergenzen zwischen S. Freud, der psychoanalytischen Pädagogik und W. Reich
      5. Individuelle und psychotherapeutische Grundlagen des Prinzips der Selbstregulation von W. Reich
         5.1. Das Schichtmodell des modernen Kulturmenschen
         5.2. Was versteht man unter der "Panzerung" des Menschen?

      5.3. Freie Pulsation als Grundfunktion des lebendigen Organismus und der Entstehungsprozess chronischer Panzerung