Diss: Axel Kühn: Alexander Neill
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Profanes

Veröffentlichungen über Neill und Summerhill in "kurzlebigen" "Massen-"Medien

Der Titel dieses Abschnitts, "Profanes", wurde bewußt aus dem theologischen Sprachfeld ausgewählt, weil Neill und Summerhill - besonders in der deutschsprachigen Berichterstattung - oft gewissermaßen religiöse Attribute zugesprochen wurden. Deshalb bewegte man sich lange Zeit beim Schreiben über Neill und sein Wirken leicht am Rand von Hagiographie. Die Zeitschriftenartikel reden schon in ihren Überschriften oft von "Legenden" [45] und "Mythen" [46] und die Erziehungsbeilage der "Times" stellte bereits 1971 fest, daß Neills Schule Summerhill in Deutschland ein "holy place" [47] sei. ZoŽ READHEAD, Neills Tochter, berichtete mir gegenüber, daß es nach Neills Tod 1973 ein Fehler gewesen sei, seine Asche auf dem Friedhof von Leiston in einem schlichten Urnengrab beizusetzen. Besser wäre es gewesen, sie über das Schulgelände zu verstreuen, denn es sei deutlich wahrzunehmen, daß sein Geist noch über dem Gelände schwebe [48], und eine Verteilung der Asche hätte diesem Phänomen sicher die angemessene symbolisch/mystische Grundlage verliehen.

Neben dieser mystisch-religiösen Betrachtung Neills und seines Werks gibt es eine eher situationsbezogene Berichterstattung in der Tagespresse oder in Magazinen. Sie setzte überwiegend dann ein, wenn wieder einmal der Fortbestand der Schule gefährdet war und sie beschäftigte sich vor allem mit den Gegebenheiten an der Schule, die in den Augen der Öffentlichkeit Sensationscharakter hatten.

Um beide Formen der Berichterstattung und um die Vorgänge, die den Anlaß für ihr Erscheinen bildeten, soll es im folgenden gehen. Zuerst wird in chronologischer Folge aufgelistet, welche Anlässe zu Presseberichten über Summerhill geführt haben. Im Anschluß daran wird - abermals chronologisch - die Diskussion über die Schließung der Schule und die sie begleitende Presseberichterstattung eingehender betrachtet. Zusammenfassend schließt sich ein kurzes Fazit über die Entwicklung der Presseberichterstattung im Laufe der Jahre an.

Hinweis zum weiteren Verlauf der Darstellung:

Mit dieser auf Medien (und Aspekte der Berichterstattung) bezogenen Darstellung wird die bisherige Chronologie der Beschreibung unterbrochen. Es kommt unweigerlich zu Rückgriffen auf Ereignisse, die weit in der Vergangenheit liegen aus denen heraus dann der weitere Verlauf geschildert wird. Diese Form der Darstellung wurde gewählt, um dem Gegenstand der Beschreibung - Medienberichterstattung - gerecht zu werden. Ähnlich wird in den nachfolgenden Exkursen zu Film- und Rundfunkproduktionen verfahren. In einem daran anschließenden Abschnitt ("AKADEMISCHES"), der Buchveröffentlichungen über Neill und Summerhill nach Neills Tod behandelt, wird die chronologische Ordnung erneut aufgegriffen, an die sich dann abermals eine in sich geschlossene Berichterstattung über wissenschaftliche Aufsätze in Sammelbänden und Zeitschriften anschließt.

Anlässe für die Berichterstattung

Presseberichte über Summerhill beschäftigten sich stets mit dem bereits für die Fachöffentlichkeit erstaunlichen Schulkonzept, das bei Leserinnen und Lesern von Tageszeitungen und Magazinen ebenfalls Überraschung hervorrief.

Besonderes Interesse riefen Vortragsreisen Neills oder Ortswechsel der Schule hervor. So gibt es erste Zeitungsberichte aus der Zeit von Neills Südafrikareise [vgl. WHITEFORD, in: Argus 01.09.1936] oder aus der Zeit, in der die Schule während des Zweiten Weltkriegs in Ffestiniog, einem Ort in Wales, evakuiert war [vgl. PETO, in: Tribune 10.11.1944]. Andere Anlässe für die Berichterstattung über die Schule bildete das Erscheinen von einem weiteren Buch Neills. Dann konnte ein Artikel denselben Titel wie das Buch haben [vgl. That Dreadful School, in: Time 25.08.1947] oder lediglich die Schule -

Kurzcharakterisierungen der Schule in der Presse (Schlagwörter)

Die Bezeichnungen, die für Summerhill in den Presseartikeln gefunden werden variieren sehr. Vielfach handelt es sich um extrem vereinfachende und häufig negativ gefärbte Beschreibungen der Selbstbestimmung der Kinder: "the school where children do as they like" [LAWRENCE, in Good Housekeeping 08/1955, S.84] oder "'Do-as-you-please' school" [WAINWRIGHT, in: Daily Mirror 07.09.1957].

Neben dem Aspekt der Selbstbestimmung wird der Freiheit von bürgerlichen Konventionen in Kurzbezeichungen in den Überschriften und Artikelanfängen† Rechnung getragen. Da ist von "Kiss-and-swear school" [Kiss-and-swear school in Danger, in: Daily Mail 10.08.1957] und† "Summerhill 'free behaviour' school" >[Neill at 70, in: Manchester Guardian 26.10.1953] die Rede.

Sehr einfach macht es sich ein Redakteur, der von "Britain's craziest school" [GARDNER, in: Daily Sketch 07.10.1953, S.4] spricht, wenn er von Summerhill berichtet.



Textfeld: Kurzcharakterisierungen der Schule in der Presse (Schlagwörter)

Die Bezeichnungen, die für Summerhill in den Presseartikeln gefunden werden variieren sehr. Vielfach handelt es sich um extrem vereinfachende und häufig negativ gefärbte Beschreibungen der Selbstbestimmung der Kinder: beschreiben und gewissermaßen Werbung für das Buch machen [vgl. Fielding, in: Daily Herald 25.06.1962].

Ein erster mit Fotografien illustrierter Bericht in einem Magazin galt weniger der Schule oder der Person Neills als Neills damals dreijähriger Tochter ZoŽ. Der Artikel, der in der "Picture Post" erschien, heißt "The Child Who Never Gets Slapped" und beschreibt ZoŽ als wildes kleines Kind, das als Ausnahmekind die Möglichkeit habe ohne elterliche Autorität "selbstreguliert" aufzuwachsen. Der Text des Artikels ist augenscheinlich stark von Neills Aussagen zu seiner Schule und zu seiner Auffassung von Kindererziehung geprägt. Einleitend werden Neill und die Schule beschreiben: "Her father, A. S. Neill, has for twenty-seven years run 'That Dreadful School ' at Summerhill where the children are a self-governing group, and where punishment is unknown except in the form of fines fixed by the pupils themselves." [HICKLIN, in: Picture Post 11.06.1949, S.30 [49]]. Es werden Bilder der badenden, kletternden und mit Schmutz spielenden ZoŽ gezeigt, die sich durch die ihr gewährten diesbezüglichen Freiheiten damals offenbar sehr von gleichaltrigen Kindern unterschied.

Andere Anlässe waren Schuljubiläen [LAWRENCE, in: Good Housekeeping, 08/1955, S.84f]. oder Neills Geburtstage [Neill at 70, in: Manchester Guardian 26.10.1953; Neill at 80, in: TES 18.10.1963].

Ein späterer Bericht stammt von einem Vater, der sein Kind in Summerhill anmeldet und einen grimmigen, scheinbar geistesabwesenden Neill antrifft, mit dessen Verhalten er sich im Verlauf seines mehrtägigen Besuchs immer mehr anfreundet [WOOD, in: The Guardian, 16.12.1956, S.5]. Er beschreibt die Praxis des Self-Government und den Umstand, daß in diesem Rahmen Neill dieselben Rechte hat wie jedes anwesende Kind - ein Vergleich, der in nahezu jedem Presseartikel zu diesem Thema gezogen wird.

Später stellten die verliehenen drei Ehrendoktorwürden jeweils einen Anlaß für die Würdigung Neills dar. In diesen Berichten kam der Schule zunehmend weniger Bedeutung zu. Die Person Neills, "[who] will at last be clapped into the ranks of the establishment" [Honour for a rebel, in; TES 10.05.1966] durch die Doktorwürden, stand im Mittelpunkt [vgl. auch Dynamic Headmastership, in: TES 15.05.1966; sowie Honoris causa, in: TES 05.07.1968].

1970 entdeckte die deutschsprachige Presse Neill und Summerhill durch den immensen Erfolg der Rowohlt-Ausgabe von "Summerhill". Die zahllosen Rezensionen [50] in Zeitschriften und in Radiosendungen waren in aller Regel hoch positiv. Viele Journalistinnen und Journalisten aus den deutschsprachigen Ländern machten sich auf die Reise nach England, besichtigten die Schule und interviewten Neill. Mit erstaunlicher Übereinstimmung wird in den Berichten vom Self-Government und der sexuellen Freiheit der Kinder berichtet. Neill steuert die immer gleichen Anekdoten zu diesen Aspekten bei und die Artikel geben sie in jeweils eigener Wortwahl wieder.

Dieses Phänomen veranlaßte sogar den Deutschland-Korrespondenten der Times, einen Artikel mit dem Titel "Summerhill called a 'holy place'" zu veröffentlichen. Darin heißt es: "Hardly a month goes by without some national daily or weekly devoting a feature to the subject, and it has become a matter of newspaper routine to discuss the reporter's arrival at the little station close to the school, his difficulty in finding a taxi, the first interview with the '87-year-old Scottish educator', and the 'shock' or the 'joy' (according to the newspaper) of discovering that the younger pupils bathe in the school's pool in the nude." [WHITING, in: TES 07.05.1971, S-12].

Offenbar veranlaßte die internationale Rezeption Neills die Briten schließlich auch, sich einer ernsthaften Auseinandersetzung mit Neills Erziehungsidee zu widmen. So erschien im Januar 1972 ein Artikel, der sich der Fragestellung "How free is Summerhill?" widmete. Der Autor beschreibt die Grenzen des Einflusses Neills auf das staatliche Schulwesen: "A small residential school with radical, fee-paying parents is surely of very limited relevance in solving the pressures and problems of a state school system which has to cater for millions of children." Trotzdem vertritt er die Auffassung, daß Summerhill für die Erziehungsdiskussion eine unverzichtbare Rolle spielt: "[...] I believe that English education would have been greatly impoverished without Neill and Summerhill."[PUNCH in: TES 07.01.1972].

Wenig später, im September, kam es zu einem längeren Artikel in der gleichen Zeitung über Ray HEMMINGS' Buch über Neill und Summerhill. Von besonderem Interesse waren hier die Befragungsergebnisse, die HEMMINGS' Schulleiter-Survey ergeben hatte. Der Autor behauptet in seinem Artikel: "Neill has influenced the policies of many of those responsible for developing state schools." [VAUGHAM, in: TES 01.09.1972, S.9]. Im Februar darauf wurde ein längeres Interview mit Neill ebenfalls im Times Educational Supplement veröffentlicht, in dem Neill sich sehr zufrieden über den Einfluß äußerte, den er auf das britische Schulwesen gehabt habe: "Seeing children getting more part in the say in what they are doing is excellent. I feel rather annoyed at the slowness of the breaking down of the teacher, the dignified teacher relationship." sagte der inzwischen 89-jährige Neill in dem Interview [NEILL zitiert in: VAUGHAM/HILL, in: TES 09.02.1973].

Als Alexander Neill im September des Jahres 1973 starb, gab es abermals eine Welle von Artikeln, Rundfunksendungen und Filmbeiträgen über ihn und die Schule. Die Meldungen waren in der Regel kurz und beschrieben sehr holzschnittartig die Schule. Neill selbst wurde als "Der gute Mensch von Summerhill" betrauert [DREWS, in: Süddeutsche Zeitung 26.09.1973].

In den kommenden Jahren besuchten - vor allem deutsche - Journalisten die Schule erneut um festzustellen, ob sich an der gelebten Schulpraxis seit Neills Tod Änderungen ergeben hätten. Daß dies nicht der Fall sei, stellten die Autorinnen- und Autoren überwiegend fest. Ein Autor schrieb: "Ein internationales 'Jugendlandheim' der allerbesten Art ist Summerhill noch immer, und alle Kinder, die dort leben und lernen dürfen, sind zu beneiden. Aber für die Theorie der Pädagogik ist Summerhill mit Neill gestorben." [LEONHARD, in: Die Zeit 20.06.1975] Daß diese Einschätzung nicht zutrifft, belegt die in diesen Jahren allmählich zunehmende Anzahl von Artikeln in internationalen Fachzeitschriften [51]. Dort wurde Neills Beitrag zur Erziehungsdiskussion gewürdigt [vgl. HOPKINS, in: Educational Theory 2/1976, S.188ff] und kritisiert. Emden, der Neill vehement kritisiert, schrieb z.B. 1977 anerkennend: "Sein 'Radical Approach to Child Rearing' ist der kühnste Versuch zur Umgestaltung der Erziehung, der in unserem Jahrhundert unternommen wurde" [EMDEN, in: Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik 1/1977, S.116]. Etwas mehr Geduld bewiesen amerikanische Autorinnen und Autoren, die noch Ende der 70er Jahre und in den 80ern Summerhill besuchten und feststellten "It's alive and well" [BOCK, in: Educational Leadership, 35/1978, S.380; vgl. auch MATTHIAS, in: Childhood Education April/Mai 1979, S.265ff; sowie ders. in: Teacher, Sept.1980, S.56ff; und: CHORLTON, in: Washington Post 23.04.1982, S.18].

1983 jährte sich Neills Geburtstag zum hundertsten Mal und dieses Ereignis wurde zum Anlaß für Presseberichte in England, den USA und Deutschland genommen. Anschließend waren es vor allem die Drohungen der Schulbehörden, die Schule zu schließen, die Presseberichte über die Schule ausgelöst haben, aber auch die Schuljubiläen 1981 und 1991. Die Berichte über das Jubiläum im Jahr 2001 gingen in die zahlreichen Artikeln über die drohende Schließung ein.

Zusammenfassung und Zwischenfazit:

Auch wenn in Presseberichten über Summerhill - vor allem in den Überschriften - häufig skandalöse Umstände hervorgehoben werden, zeichnet sich ein weitgehend übereinstimmendes Muster ab: Zuerst wird die Schule vielfach als Skandalschule beschrieben, in der die Konventionen außer Kraft gesetzt worden sind. Anschließend wenden sich die Artikel vielfach der Frage zu, ob es nicht berechtigt sei, gerade diese gesellschaftlichen Übereinkünfte in Frage zu stellen. In der Regel wird dann die Schule als Beweis dafür beschrieben, daß es Alternativen zu konventionellem Schullernen gibt und daß diese Alternativen Bestand haben. Es sind keine Presseberichte bekannt, in denen tatsächlich skandalöse Umstände aufgedeckt werden.

Die kontinuierliche Presseberichterstattung über Neill und Summerhill erfährt - abgesehen von den Meldungen zu den wiederholten Schulinspektionen, die im nachfolgenden Abschnitt behandelt werden - einen Abbruch zu Beginn der 90er Jahre. In dieser Zeit wird das Thema Neill und Summerhill bemerkenswerterweise zunehmend in pädagogischen Fachzeitschriften wieder aufgegriffen.



Fußnoten:

[45] HAMMELMANN in: Zeit-Magazin, Nr.42, (11.10.91), S.99-110

[46] Der Mythos Summerhill, in: X-Magazin (Stuttgart), H.5 1971, S.36ff; RATTNER in: Vaterland (Luzern) 24.07.1971; THRON in: Schwäbisches Tagblatt 07.02.1995, S.3

[47] WHITING in: TES 07.05.1971, S.12

[48] Gespräch mit ZoŽ READHEAD am 09.09.1993 in Leiston

[49] "That Dreadful School" war der Titel eines Buches von Neill aus dem Jahr 1937.

[50] Auf Quellenangaben wird hier verzichtet - ein Blick auf die Literatur- und Quellenliste für das Jahr 1970 [ŗS.161 bzw. "Quellen" ab ŗ S.198] macht deutlich, wie zahlreich die Artikel und Rundfunkbeiträge in diesem Jahr waren.

[51] Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Neill und Summerhill in pädagogischen Fachzeitschriften wird an anderer Stelle beschrieben (ab ŗS. 136).



Diss: Axel Kühn: Alexander Neill
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