Diss: Axel Kühn: Alexander Neill
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England

In England mieteten Neill und Lilian Neustätter ein stattliches Gebäude aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert auf dem "Summer-Hill" im Ferienort Lyme-Regis an der Südküste. Ursprünglich war der Name des Hauses "Pine Crest", aber die Bezeichnung "Summerhill" bürgerte sich ein, wohl auch, weil Lilian Neustätters Elternhaus in Australien diesen Namen getragen hatte [vgl. NEILL in: Id-Magazine Dez. /1960, S. 4; vgl. auch NEILL 1945, S. 157].

In der Oktoberausgabe der Zeitschrift "New Era" erschien die Notiz: "A. S. Neill, the Dominie, has brought his International School home, and has set up at Summerhill, Lyme Regis. He is specialising on problem children, and says that he wants boys and girls that other schools find troublesome, lazy, dull, anti-social. He steadfastly refuses to compromise . . . 'Here is my school,' he says to parents 'absolute freedom to work or to play. Take it or leave it'. " [New Era 5(1924), H. 4; vgl. hierzu auch SEGEFJORD 1968, S. 69] Erst bestand die kleine Schule nur aus den fünf Kindern, die bereits auf dem Sonntagberg dabei gewesen waren. Die Atmosphäre an der Schule beschreibt die Schriftstellerin Ethel Mannin, die Lyme Regis Mitte der zwanziger Jahre besuchte und ihre Tochter Jean [vgl. CROALL 1983b, S. 171] bei Neill zur Schule schickte. Sie schildert ihren Besuch und die Arbeit Neills detailliert in "Confessions and Impressions" aus dem Jahr 1930: "In such a community you can come and go as you please, talk or remain silent as you wish [. . . ] The atmosphere is really "free". You can read at table if you want to and get up and leave it as soon as you have finished eating; nobody minds" [MANNIN 1930, S. 218]; sie resümiert: "Summerhill is Neill. It is the direct expression of his personality. " [Mannin 1930, S. 221 (Hervorhebung im Original)] Auch in der bereits 1928 erschienenen Novelle "Green Willow" verarbeitete Ethel Mannin die Eindrücke, die sie bei einem Aufenthalt in der Schule gesammelt hatte [vgl. MANNIN 1928, S. 45ff].

& The Problem Child 1926

1926 hatte Neill sein achtes Buch, The Problem Child, veröffentlicht. Kurz nach der Ankunft in England hatte er angefangen, daran zu arbeiten, und beschäftigte sich darin - anders als in den vorhergehenden Büchern - sehr ernsthaft mit der Psychologie des Kindes. Auf anschauliche Weise und in einem etwas weniger scherzhaften Ton als in den vorhergehenden Büchern versuchte Neill deutlich zu machen, daß es die moralbetonte Erziehung der Eltern ist, die Kinder schwierig macht. "The difficult child is the child who is unhappy. He is at war with himself, and in consequence at war with the world. " [NEILL 1926, S. 10] "It is the use of words like 'Naughty' or 'Bad'! or 'dirty'! that does harm. If one's motto is: I must not give the child a conscience, one can do the minimum of harm. To throw a book at a boy with a 'Get out! I am busy!' is quite harmless if the boy does not fear you. But to take him into your study an hour after the event, and to speak earnestly to him about his behaviour is harmful. " [NEILL 1926, S. 100f] In diesem Buch findet sich auch die einzige Stelle in Neills Schriften, an der er eine Erklärung dafür bereithält, warum er sich stets nur "Neill" nennen ließ: "I used to dislike it when my pupils learned my Christian name and its boyhood contraction" [NEILL 1926, S. 172] (Alexander Neill wurde als Kind Alec oder Allie genannt - er hatte noch mehr wenig schmeichelhafte "Nicknames" [vgl. hierzu >S. 8]).

Die Veröffentlichung des Buches erhöhte die Popularität der Schule schlagartig. Dies wirkte sich auf die Anzahl der Schülerinnen und Schüler sowie auf die Einkünfte Neills aus. Viele der neuen Kinder waren wirkliche Problemkinder [vgl. CROALL 1983b, S. 142]. Neill klagte später: "Why did I ever call a book The Problem Child? The name has appealed as a panacea to a few hundred parents who didn't know what to do with their difficult offspring. " [NEILL in: Id-Magazine No. 10 Mai/1963, S. 4] Er hörte jedoch auch in der Folge nicht auf, Eltern problematischer Kinder anzusprechen [vgl. NEILL in: New Era 9(1928), S. 70; NEILL in: Blewitt 1934, S. 121f]. Neill setzte seine "private lessons", Einzelgespräche mit Schülern und Schülerinnen, fort [vgl. NEILL in: New Era 9(1928), S. 70] und resümiert Jahre später: "Ich war damals ein ausgemachter Narr. Ich meinte, daß Psychoanalyse außer einem gebrochenen Bein alles heilen könnte. " [NEILL 1972, S. 154]

Die Schule verfügte über eine regelstiftende "Schulgemeinde" [vgl. NEILL in: New Era 10(1929), S. 72], die wöchentlich zusammentrat [vgl. NEILL in: New Era 9(1928), S. 70]. Zwischenzeitlich etablierte sich ein parlamentarisches System [vgl. NEILL in: New Era 10(1929), S. 72f], und einmal ernannte sich Neill auch zum Diktator [NEILL in: Blewitt 1934, S. 117]. Beide Regierungsformen wurden schnell wieder von der alle Mitglieder umfassenden Schulgemeinde abgelöst [vgl. NEILL 1926, Nachwort der Auflage 1929, S. 261] (derartige Vorgänge sollten sich in der Geschichte Summerhills mehrmals wiederholen [vgl. NEILL 1937, Nachwort der Auflage von 1948, S,156]). Der Besuch des Unterrichts war freigestellt, und einzelne Kinder spielten monatelang, anstatt zum Unterricht zu gehen [vgl. CROALL 1983b, S. 147 vgl. auch NEILL in: New Era 9 (1928), S. 70].

Lilian Neustätter - sie und Neill hatten in England geheiratet - hatte vielfältige Aufgaben im Schulbetrieb: Sie überwachte die Tätigkeit der "Hausmütter", die Neill in Zusammenhang mit der steigenden Anzahl an Kindern eingestellt hatte und regelte die finanziellen Angelegenheiten [vgl. CROALL 1983b, S. 145]. Darüber hinaus unterrichtete sie Fächer wie Stenographie, Maschinenschreiben, Geschichte, Deutsch und Englisch [vgl. CROALL 1983b, S. 147].

Neills steigende Popularität wirkte sich nicht allein auf die Anzahl an Kinder aus, die die Schule besuchten, seine Person selbst wurde immer gefragter. So reiste er, Vorträge über Sexualität haltend, durch England. Dazu eingeladen wurde er von unorthodoxen und intellektuellen Gruppierungen und Institutionen wie der "British Sexological Society" und den "Heretics" in Cambridge, einem Zusammenschluß von Intellektuellen, dem auch George Bernard Shaw und Bertrand Russell angehörten [vgl. CROALL 1983b, S. 149ff].

Seit 1926 pflegte Neill die Bekanntschaft mit dem Ehepaar Bertrand und Dora Russell. Der bekannte englische Philosoph und Mathematiker und seine zweite Frau standen im Begriff, eine eigene Schule, die Beacon Hill School, zu gründen. Die Schule sollte nach ähnlichen Grundsätzen geführt werden wie Summerhill; Russell hatte jedoch den Anspruch, die intellektuelle Entwicklung der Kinder an seiner Schule in jeder Hinsicht zu fördern [vgl. D. RUSSELL 1975, S. 200; vgl. auch B. RUSSELL in: CROALL 1983b, S. 159; sowie DINNAGE in: TES 28. 03. 1980, S. 21]. Neill pointierte diese Differenz in einer Anekdote vom Aufenthalt der Russells an seiner Schule: "In einer sternklaren Nacht machten wir einen Spaziergang. 'Russell', sagte ich, 'der Unterschied zwischen uns beiden ist der: hätten wir jetzt einen Jungen dabei, dann würden sie ihm jetzt gerne etwas über die Sterne erzählen, und ich würde ihn seinen eigenen Gedanken überlassen. ' Russell lachte, als ich hinzufügte: 'Ich sage das vielleicht nur, weil ich schon so verdammt viel über die Sterne weiß'. " [NEILL 1972, S. 153] Während ihres Besuchs in Lyme Regis im Mai 1927 machten sich die Russells ein Bild von den praktischen und organisatorischen Voraussetzungen einer Internatsschule [vgl. NEILL in: CROALL 1983a, S. 45]. "Ich habe irgendwo über meinen 'guten alten Freund Bertrand Russell' geschrieben, dabei habe ich ihn, nachdem er vor annähernd fünfzig Jahren eine Woche in Summerhill verbrachte, nur noch ein einziges Mal wiedergesehen (wenn wir auch miteinander korrespondierten). " [NEILL 1972, S. 167] Der Austausch zwischen Neill und den Russells bestand aus einem gelegentlichen Briefwechsel. Als Dora Russell seit 1931 die Schule allein leitete [vgl. D. Russell 1975, S. 230], versicherte ihr Neill, daß er ihre Schule neben seiner und der von William B. Curry (dem Leiter der Schule "Dartington Hall" [vgl. Skidelsky 1969, S. 127]) für die einzige wahrhaft progressive Schule hielte [vgl. NEILL in: CROALL 1983a, S. 8; vgl. auch CROALL 1983b, S. 160; sowie D. RUSSELL 1975, S. 200; und D. RUSSELL in einem Artikel für die japanische Festschrift zu NEILLs 100. Geburtstag, datiert 08. 05. 1983].

Neill hielt in jenen Jahren weiter Kontakt zu Wilhelm Stekel und interessierte sich für die Theorien Alfred Adlers, den er wenige Jahre später in Stockholm kennenlernen sollte. Über ihn berichtete er anschließend folgendes: "I lunched with Alfred Adler in Stockholm, found him charming, but felt that he was talking of surface things in psychology. " [NEILL 1945, S. 16; vgl. auch CROALL 1983b, S. 152; sowie HEMMINGS 1972, S. 72]



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