Diss: Axel Kühn: Alexander Neill
Zurück zum Inhaltsverzeichnis
Kapitel zurück (Deutschland)
     (& A Dominie Five 1924)

nächstes Kapitel (England)



Österreich

Die Rhythmikabteilung Christine Baers hatte sich im österreichischen Laxenburg niedergelassen, und Neill nahm dies zum Anlaß, selbst durch Österreich zu reisen, um einen geeigneten Ort für seine Schule zu finden [vgl. CROALL 1983b, S. 126]. Schließlich fand er auf dem Sonntagberg, vier Bahnstunden von Wien entfernt [vgl. NEILL 1972, S. 150; vgl. auch Pontesegger 1988, S. 174f], ein ehemaliges Kloster, in dem ihm der Sekretär des Akademischen Wohlfahrtswerks Österreichs, Oskar Bock, Räume zur Verfügung stellte [vgl. NEILL 1926, S. 217; vgl. auch CROALL 1983b, S. 126f].

Das Kollegium der Schule auf dem Sonntagberg setzte sich teils aus ehemaligen Mitarbeitern aus Hellerau, aber auch aus neu hinzugekommenem Personal zusammen: so begleitete Lilian Neustätter Neill nach Österreich, und Willa und Edwin Muir kamen nach einer Italienreise [vgl. E. MUIR 1968, S. 208] auf den Sonntagberg. Hinzu kamen Willas Bruder Willie Anderson, ein italienischer Schreiner und Klavierspieler namens Giuseppe, eine Polin, die Lilian Neustätter in der Leitung des Schulheims zur Hand ging und eine deutsche Köchin sowie das österreichische Hausmeisterpaar [vgl. MURRAY o. J, S. 18]. Neben weiteren kurzfristig erscheinenden Gästen [vgl. NEILL 1926, S. 220f] tauchte eines Tages Bronwen Jones aus Wales auf, die viele Jahre lang bei Neill Mathematik unterrichten sollte [vgl. NEILL in: Id-Magazine 1966, H. 16, S. 3; vgl. auch CROALL 1983b, S. 127; sowie PONTSEGGER 1988, S. 175].

Dieser Schar von Erwachsenen standen gerade einmal neun Schülerinnen und Schüler gegenüber, von denen fünf aus England kamen [vgl. CROALL 1983b, S. 128; vgl. auch NEILL 1926, S. 217]. Regulärer Unterricht fand an dieser Schule nicht statt - wenn die Kinder Fragen hatten, wurde eine Gruppe gebildet, die sich mit bestimmten Sachverhalten auseinandersetzte. Es wurden einfache Fotoapparate gebastelt oder mit Ton keramische Experimente vorgenommen [vgl. CROALL 1983b, S. 128f; vgl. auch MURRAY o. J, S. 15ff].

Neill beschäftigte sich im Herkunftsland der Psychoanalyse intensiv mit diesem Thema, dilettierte aber offensichtlich, wenn er versuchte, problematische Kinder dadurch zu "heilen", daß er sie zum Schaden anderer Kinder gewähren ließ und diesen noch dazu verbot, etwas gegen das beeinträchtigende Verhalten zu unternehmen. Sein Leitspruch sei in einem solchen Fall gewesen: "He has to get it cut of his system" berichtet Helga Prinzessin zu Löwenstein, die glücklich war, die Schule nach wenigen Monaten verlassen zu können als sie zu Gustav Wynnekens "Freier Schulgemeinde Wickersdorf" wechselte. 1993 berichtete sie von ihren schlechten Erfahrungen mit Neill in einem Leserbrief in der FAZ [vgl. LÖWENSTEIN 1993, S. 8].

In seinen psychoanalytischen Versuchen fühlte sich Neill bei einer Gelegenheit jedoch auch überfordert und begleitete einen Jungen, dessen Hund aus dem zweiten Stock gestürzt war und getötet werden mußte, zu Wilhelm Stekel, einem Wiener Analytiker [vgl. MURRAY (Briefwechsel mit Jonathan CROALL) Juli 1979 bis Mai 1980; vgl. auch CROALL 1983b, S. 130f; vgl. auch LÖWENSTEIN 1993, S. 8]. Neill hatte Wilhelm Stekel kurz zuvor kennengelernt und suchte ihn seitdem selbst als Patient regelmäßig auf. 1923 hatte er Stekels Buch "Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung" (von 1908) - es erschien zu jener Zeit in englischer Sprache - in der Juli-Ausgabe der "New Era" rezensiert. Stekel - ursprünglich Gründungsmitglied der Psychoanalytischen Mittwoch-Gesellschaft (er hatte Freud 1902 zur Einführung dieser Sitzungen angeregt) - wurde innerhalb der psychoanalytischen Bewegung hauptsächlich durch Traum- und Symboldeutungen bekannt. Seine intuitive Vorgehensweise war es, die zu immer tieferen Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und den Freudianern führte. Bereits seit 1912 war er nicht mehr Mitglied der Psychoanalytischen Vereinigung, nachdem es zwischen ihm und Freud zu ernsten Differenzen gekommen war [vgl. MÜHLLEITNER 1992, S. 321]. In seiner Autobiographie schrieb Neill über die Analyse bei Wilhelm Stekel, sie habe lediglich seinen Intellekt erreicht, aber keine Emotionen bei ihm ausgelöst [vgl. NEILL, 1972, S. 172f; vgl. auch CROALL 1983b, S. 132].

In Wien begegnete Neill auch Pädagogen und Psychoanalytikern wie Siegfried Bernfeld, Otto Rank und August Aichhorn, dem er einen Abend lang von Homer Lane erzählte [vgl. CROALL 1983b, S. 132; vgl. auch NEILL in: Anarchy 4(1964), H. 39, S. 146; sowie NEILL in: Manuskript 1968; vgl. hierzu auch BOLTERAUER in: Erziehung und Unterricht 1975, S. 650ff]. Mit Sigmund Freud traf Neill nie zusammen [vgl. NEILL in: Die Zeit 07. 08. 70, S. 14].

Mit Wilhelm Stekel verband Neill bald eine Freundschaft [vgl. NEILL 1949, S. 155]. Stekel erwähnte dies auch in seinem nächsten Buch: "Mein Freund A. E. [sic!] Neill, der bekannte englische Pädagoge und Schriftsteller, Verfasser zahlreicher anregender Bücher aus dem Leben der Schule und der Schüler, hat ein neues System geschaffen, in dem die Kinder machen können, was sie wollen. In einzelnen Fällen hat er bemerkenswerte Resultate erzielt. Und doch scheint es, daß er von einem Extrem ins andere verfällt, weil er von der These ausgeht: Das Kind ist von Haus aus gut und wird erst durch falsche Erziehung schlecht gemacht. " [STEKEL 1925, S. 729f; vgl. auch BLEWITT 1934, S. 114] Der Schotte Neill ärgerte sich nicht nur über die falschen Initialen: "He called me 'the well-known English educationist'. " [NEILL 1926, S. 165 [Hervorhebung im Original]; vgl. auch NEILL 1972, S. 326]

& A Dominie's Five 1924

Auf Stekels Anregung hin schrieb Neill eine Geschichte auf, die er bereits in Hellerau den Kindern erzählt hatte. Sie erschien 1924 unter dem Titel A Dominie's Five [14] or Free School und ist die blutrünstige Schilderung einer Afrika-Reise eben jener fünf Kinder, denen Neill sie erzählt. "The story satisfies my ego as much as it satisfied the egos of the Five. " [NEILL 1924, S. 11 (Hervorhebung im Original)] Die Analyse der Geschichte durch Wilhelm Stekel hat Neill nie öffentlich gemacht. Er widmete dieses fünfte und letzte Buch der Dominie-Reihe seiner Mutter: "To My Mother who, in her seventieth year, began to travel in foreign parts. " [NEILL 1924, S. 5 (Hervorhebung im Original)]

In der Einleitung wird beschrieben, unter welchen Umständen die Geschichte entstand:

A Dominie's Five

H0W THE STORY CAME ABOUT

IN my International School of Hellerau I read King Solomon's Mines to the English group, to
Derrick, from Yorkshire, aged 9.
Donald, his brother, aged 7.
Geofrey, from Oxfordshire, aged 9.
Helga, a Scot of 8 years.
Gilbert, a Belgian girl of 14.
I read them King Solomon's Mines ... and by turns they went to sleep. Gilbert alone stayed to hear the end of the story.
I thought the problem over, and I came to a conclusion.
”They were bored because their egos had no display in the story. They must have a story in which they take part.”
”Children,” I said, ”to-morrow I'll tell you a story.”
Thus I came to tell them the story of Free School!
But in order that the general reader may grasp a little of the atmosphere in which the story was told - (Here Gilbert groaned as I read the
passage aloud, and said: ”Orrid German tobacco atmosphere it was.”) - I shall give a short account of Hellerau.
(S.8:) Our school was a big one. We had three divisions, one for Eurhythmics with about sixty pupils, mostly adults; the school was the
original school founded by Dalcroze. Then we had a German High School with a staff of twelve. Lastly came my International School,
young and small. The German school was not self-supporting. One monthly account showed that my school with thirteen pupils had an
income of five million marks, while the German school with a hundred pupils had an income of four million marks. But although my
division and the Eurhythmics division supported the German division, we gave it complete autonomy in educational matters.
This is not the place to tell how difficult the whole undertaking was. The chief difficulty was that the three divisions shared the same
hostel. Co-operation we found to be impossible, for our educational principles were poles asunder. The German Free School was founded
on philosophy; mine was founded on psychology. They believed inter alia in kultur and æstheticism I believed inter alia in Charlie
Chaplin and fox-trotting.
But although the heads could find no common basis on which to work together, the children did achieve a real co-operation. Only
Geoffrey remained a ”Little Englander.”
”You are daft,” he used to say to me, ”to (S.9:) have such a school. Why don't you send these awful Jugo-Slavs away, and have only
English pupils?”
But in justice to Geoff it must be stated that Masa used to hit him. Masa was fifteen and had a fist like a leg of mutton.
Language did make a division. All children spoke German in their common play, but there was naturally some jealousy on the part of
Germans, Jugo-Slavs, Hungarians, Russians, when they saw the English live troop into my study to hear the story. Gilbert, a Belgian
refugee in England during the war, identified herself with the English group. It would sometimes happen that the Jugo-Slav Contingent
would hammer at the door in order to disturb the story-telling. When we demonstrated they cried: ”Freie Schule!”
It was indeed a Free School. We had a time-table for the staff. At nine every morning I had a Mathematics lesson, but nobody ever came.
Frau Doctor had Geography at ten, and no one ever missed a lesson; indeed, by vote of Schulgemeinde (Self-Government Meeting), they
compelled me to change my Mathematics lesson into a Geography one. And, knowing hardly any geography at all, I had a hard life. We
had a good workshop with turning-lathe, motor power and all sorts of tools; we had a bookbinding department with an excellent (S.10:)
teacher. Theory said to me: ”This school is going to be a picnic. The children will spend the whole day at handwork.”
Practice showed me how futile a theory can be. These children had a thirst for information. They wanted to ask questions from 9 a.m. till
lunch-time. Luckily I roped in every possible supplier of information - Kloppers the Dutch actor who had spent many years in Java. He
was a fountain for a week. Foreman from America had to tell them all about the colour question. Sherwood Trask, the delightful
American schoolmaster, told them tall tales of the Middle West. Best of all was Knutson, who had been a cowboy in the days when one
drew quickly, or better still, fired from the pocket. He had spent many years in Hawaii, and his tales of shark-killing were great.
But all these men of experience came and went, and my Five turned indignantly to me with new demands.
”Old Neill,” sniffed Gilbert, ”Će don't know nothing of nice, cos'e never was out of England till he came to Germany.”
”He can read about geography and tell us,” said Geoffrey.
”It's not the same,” said Derrick. ,”But he can't tell us anything about Scotland even.”
”I used to catch minnows,” I said humbly, ”and I once saw a runaway horse.”
(S.11): They looked at me in a pitying manner. I almost think I told them the story, Free School! in order to recover my
popularity. Kloppers, Foreman & Co. could tell interesting facts, but in the realm of lying I was monarch. The story satisfied my ego as
much as it satisfied the egos of the Five.
I recognise that the story might have been more educative. Had I had an encyclopedic knowledge of lands and peoples I could have given
a wonderful lesson in geography. I leave it to others, parents and teachers, to improve on my work. Personally I am content, for I
attach but little importance to facts as facts. Whether tigers obtain in Brazil or not is a matter of no great moment-to outsiders. If there
are no lions in Thibet, well, there ought to be.
What my unconscious aim was I cannot say in public. (My good friend, Dr. Wilhelm Stekel, the well-known Viennese psychoanalyst, gave
me a delightful subjective analysis of the story.) My conscious aim was to make five children interested, and therefore happy. I
succeeded. I recommend the method of story to all parents and teachers who possess humour and imagination. There are many ways of
regressing to the infantile. To tell a rattling story of machine-guns and lions is one of the best.
(S.12): Since telling the story I have been forced by political events to leave Germany. The school has been transferred to Sonntagsberg
in Austria, to the summit of a mountain. Gilbert, Geoffrey, Derrick and Donald have all waited at home until I should find a new school
and in January I bring them here. The story of the wonderful submarine will probably be delayed, for reality will afford interest enough
for a long time. We have a farm with oxen, cows and pigs; we have a skating pond. In January ski-ing and tobogganing will be more
fascinating than fighting pirates. Riding a real mule will please Donald better than manning an imaginary submarine.
Sonntagsberg will be a Paradise for the children, but I fancy that many a time they will talk about dear old Hellerau and its joys.

A.S.Neill

SONNTAGSBERG,
   ROSENAU,
      AUSTRIA.
     November, 1923



Die Einleitung zu "A Dominie's Five" 1924, S. 7-12 Das Leben auf dem Sonntagberg gestaltete sich im Lauf der Zeit wesentlich weniger beschaulich als der idyllische Rahmen des kleinen Wallfahrtsortes erwarten ließ. Der Ort - in 704 Meter Höhe gelegen - befand sich häufig in oder über der Wolkendecke und lag recht abgeschieden. Als zu Ostern 1924 die Wallfahrten zu der dem Schulgebäude benachbarten Kirche der Heiligen Dreieinigkeit wieder einsetzten, versahen die Kinder mit Hilfe von Spiegeln Steinfiguren mit Heiligenscheinen. Neill schrieb dazu: "Als der Trick der Kinder herauskam, wunderte ich mich, daß wir nicht gelyncht wurden, denn die einheimischen Bauern waren die abscheulichsten Menschen, denen ich je begegnet bin. " [NEILL 1972, S. 150]

Auch der Diebstahl einiger Kerzen und eines Kruzifixes in einem der Souvenirläden durch einen Schüler Neills erhitzte die Gemüter [vgl. CROALL 1983b, S. 133]. Die Dorfbewohner nahmen Anstoß daran, daß sich ein neunjähriges Mädchen im Badeanzug sonnte, und schütteten Scherben in den Badeteich [vgl. NEILL 1926, S. 218; vgl. auch NEILL in: Id-Magazine Okt. /1960, S. 5; sowie PONTESEGGER 1988, S. 174f]. Sogar Gerüchte über nackte Schüler, die nachts an der Außenfassade des Hauses in Zimmer des Personals kletterten, machten die Runde [vgl. W. MUIR 1968, S. 108; vgl. auch NEILL 1926, S. 218] und ein sehr problematischer Schüler hatte Kirchenscheiben eingeworfen [vgl. LÖWENSTEIN 1993, S. 8]. Schließlich untersagte die österreichische Schulverwaltung den Schulbetrieb: es müsse gewährleistet sein, daß im vorgeschriebenen Maße Religionsunterricht und Leibesertüchtigung für die Jungen sowie hauswirtschaftlicher Unterricht für die Mädchen erteilt werde. Dieser Forderung wurde durch den Besuch eines bajonettbewehrten Gendarmen Nachdruck verliehen [vgl. W. MUIR 1968, S. 108]. Neill hatte es ohnehin versäumt, den österreichischen Schulbehörden Zeugnisse über die Lehrbefähigung seines Personals vorzulegen [vgl. Briefwechsel NEILLs mit den österreichischen Behörden, 1924]. Zu allem Überfluß ging die Bank, bei der Neill sein Geld deponiert hatte, in Konkurs [vgl. CROALL 1983b, S. 134; vgl. auch MURRAY o. J. , S. 21], und so wurde im Juli der Beschluß gefaßt, die Schule nach England zu verlegen [vgl. E. MUIR 1968, S. 225; vgl. auch http://www.paed.com (Aufstellung des Briefwechsels Neills mit den österreichischen Behörden duch Margit Zellinger)]. Lilian Neustätter, die im Begriff war, sich von ihrem Mann zu trennen, war an diesem Beschluß beteiligt und begleitete Neill [vgl. W. MUIR 1968, S. 109].



Fußnoten:

[14] Der Titel ("Five") bezieht sich sowohl darauf, daß es sich um das fünfte Buch der Dominie-Reihe handelte, als auch auf die fünf Kinder, denen die Geschichte erzählt wird.



Diss: Axel Kühn: Alexander Neill
zum Inhaltsverzeichnis
Kapitel zurück (Deutschland)
     (& A Dominie Five 1924)

nächstes Kapitel (England)