Diss: Axel Kühn: Alexander Neill
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Fortsetzung (& The Problem Family 1949)



Rückkehr nach Leiston

Im August 1945 kehrte die Schule zurück nach Leiston. Die Gebäude waren vom Militär übel zugerichtet worden. "Vielleicht war der froheste Tag in meinem Leben der, an dem ich 1945 nach dem verhängnisvollen Zwischenspiel in Wales nach Leiston zurückkehrte. Die Schule war in einem schlimmen Zustand. Die Armee hatte sie fünf Jahre lang gehabt und in dieser Zeit mehr Schaden angerichtet, als die Kinder in 25 Jahren angerichtet hätten, aber das alles machte nichts aus." [NEILL 1972, S.183; vgl. auch CROALL 1983b, S.296; sowie NEILL 1972, S.341] Die Schule nahm im Herbst ihre Arbeit wieder auf und die Kinder beteiligten sich an den Renovierungsarbeiten [vgl. NEILL in: WINSTEN 1946, S.144].

1946 veröffentlichte Neill einen Beitrag über George Bernard SHAW in einem Sammelband zu Ehren des Dichters zu seinem neunzigsten Geburtstag. Bereits während seines Studiums in Edinburgh hatte Neill sich intensiv mit SHAWS Werk auseinandergesetzt und fühlte sich nun geehrt, in einer Reihe mit bedeutenden Literaten und Philosophen einen Beitrag zur Ehrung des großen Schriftstellers leisten zu dürfen [vgl. CROALL 1983b, S.338]. Sein Aufsatz trug den Titel Shaw and Education, und Neill gelang es darin, sein Jugendidol SHAW auf charmante Art zu demontieren. "No, it is Shaw the teacher who is dangerous. He who can, teaches; he who cannot, writes about teaching" [NEILL in: Winsten 1946, S.143], persiflierte er ein geläufiges SHAW-Zitat [21]. "I claim that his educational theories are ultimately derived from his own schoolmasters, and are therefore of no great value." [NEILL in: WINSTEN 1946, S.145] Gleichwohl seien SHAWS Erziehungstheorien immer noch dazu geeignet, herkömmlichen Lehrern und Eltern wie Ketzerei zu erscheinen [vgl. NEILL in: WINSTEN 1946, S.141]. Neill bezog sich in seinen Schriften außerordentlich häufig auf SHAW, beließ es aber in der Regel bei bloßem Namedropping und ging nicht tiefer auf die Ideen des bewunderten Autors ein [22]; gelegentlich ließ er es auch nicht an Spott über den prominenten Literaten fehlen. Hierbei war er sicher von Homer Lane inspiriert worden, der SHAW nicht leiden konnte [vgl. NEILL 1972, S.169]. So konnte Neill es sich nicht verkneifen anzumerken, daß auch SHAW, der überzeugte Vegetarier, Schuhe aus Leder tragen müsse [vgl. NEILL 1917, S.526; vgl. auch NEILL 1967, S.102, sowie NEILL 1972, S.253; sowie NEILL in: TES 29.03.1968, S.1049]. In seiner Autobiographie stellt sich Neill die Frage, ob nicht G.B.SHAW und H.G.WELLS für seine spätere berufliche Entwicklung bedeutender gewesen seien "als all die späteren Psychologen." [NEILL 1972, S.232]

Neill und seine zweite Frau, Ena Wood, hatten sich offenbar dafür entschieden, ein Kind zu bekommen, denn im Dezember schrieb Neill an Reich: "Ena, meine Frau, scheint nicht schwanger zu werden. Ich möchte, daß sie bald zu einem Facharzt geht. Sie mag keine ärzte, aber... Wir beide sind zusammen sehr glücklich und erleben in der Liebe die höchste Erfüllung." [NEILL in: PLACZEK 1981, S.224 (Hervorgehobenes im Original deutsch)] Schließlich jedoch wurde Ena schwanger, und Neill berichtete Reich stolz von dieser Tatsache [vgl. NEILL in: PLACZEK 1981, S.234]. Später schrieb er an Reich: "Ena nimmt wegen des Kindes stark zu. Australien hat mir angeboten, die Kosten zu übernehmen, wenn ich zu einer Konferenz dort im Oktober käme; aber ich habe abgelehnt, denn ich kann nicht fort sein, wenn sie das Kind bekommt." [NEILL in: PLACZEK 1981, S.236]

Tatsächlich ging Neill bis zur Geburt seiner Tochter Zoë im Oktober 1946 [vgl. CROALL 1983b, S.301; HEMMINGS 1972, S.130 (1947); CROALL 1983a, S.188ff] nicht mehr auf große Reisen. Danach jedoch, im April 1947, unternahm er zusammen mit Ena und dem sechs Monate alten Baby eine ausgedehnte Skandinavien-Reise [CROALL 1983b, S.337].

"Eine echte Propaganda-Reise. Ich brauche Schüler, die uns aus unseren Geldsorgen heraushelfen sollen" [NEILL in: PLACZEK 1981, S.273 (Hervorgehobenes im Original deutsch)], schrieb Neill an Wilhelm Reich. Der Vortrag, den er in Stockholm halten sollte, war so gut besucht, daß der Saal sich als viel zu klein erwies. Mit Einwilligung des örtlichen Pastors zog die Versammlung in die gegenüberliegende Kirche um. "Es war ein seltsames Gefühl, auf einer Kanzel zu stehen, mit einer großen Bibel vor mir auf dem Pult." [NEILL 1972, S.221, 289; vgl. auch CROALL 1983b, S.337]

Eine weitere Reise unternahm Neill 1947 allein. Er fuhr mit dem Schiff nach Nordamerika, um einige Vorträge zu halten und seinen Freund Wilhelm Reich zu besuchen [vgl. CROALL 1983b, S.313, 348], nachdem dessen Frau Ilse vorher einige Zeit in Summerhill verbracht hatte [vgl. NEILL in: PLACZEK 1981, S.280]. Das amerikanische Interesse an Neills Ideen war aber gering, und die Reise mußte aus publizistischer Perspektive als Mißerfolg bewertet werden [vgl. NEILL in: PLACZEK 1981, S.299].

Während seines Aufenthaltes auf Orgonon, wie Reich seinen Landsitz in Maine genannt hatte, begann Neill an einem weiteren Buch zu schreiben. The Problem Family sollte eine Zusammenfassung der vorhergehenden Bücher The Problem Child und The Problem Parent werden, wurde jedoch, nicht zuletzt durch die Gespräche mit Reich, ein neues Buch, in das viele Ideen Reichs, die Neill - wie er Reich gegenüber selbst zugab - nicht recht durchschaut hatte, mit einflossen [vgl. NEILL in: PLACZEK 1981, S.288, 292]. Die Beziehung zwischen den beiden hatte sich zu einer kameradschaftlichen Freundschaft entwickelt, die durch gegenseitige Kritik, vor allem aber hohe Anerkennung geprägt war. In ihrem umfangreichen Briefwechsel gibt es lange Passagen, in denen Neill sein Befremden über die Forschungen Reichs und ihre Ergebnisse ausdrückt. Er fügt aber immer wieder an, daß er in wissenschaftlichen Dingen sehr unwissend sei und an Reich als Person glaube und infolgedessen trotz seines Unverständnisses davon überzeugt sein müsse, daß Reichs Forschungen große Bedeutung hätten. "Ich glaube, ich finde Deine Bücher deshalb schwer lesbar, weil ich schon 63 bin und zu viele Repressionen hinter mir habe. Du schreibst für eine neue Generation. [...] Aber mit meiner Arbeit scheine ich doch auf Deiner Linie zu liegen, was heißt, daß ich zwar als Theoretiker eine Null, als Praktiker aber ziemlich bedeutend bin." [NEILL in: PLACZEK 1981, S.251; vgl. auch NEILL 1949, S. 123]

Neill stellte zwar Bemühungen an, Reich in England bekannt zu machen, doch sie waren nicht sehr erfolgreich [vgl. NEILL in: CROALL 1983a, S.101ff]. Das mag zum Teil daran gelegen haben, daß Reich selbst diesen Anstrengungen gegenüber eine sehr zwiespältige Einstellung hatte. Zwar ließ er Neill stets durch seine Mitarbeiter Materialien zukommen, kritisierte dann aber, daß Neill dieses Material weiter verschickte. "Du bemängelst meine Versuche, dich hier bekannt zu machen; aber was sollte ich tun, wenn Wolfe mir laufend Zeitschriften und Bücher schickt? Sie verkaufen? Habe ich versucht, aber kein Buchhändler hat sie genommen." [NEILL in: PLACZEK 1981, S.157] Unter anderem hatte Neill an den Schriftsteller H.G.WELLS drei Zeitschriften geschickt. Ein Briefwechsel über Reich entspann sich [vgl. NEILL in: CROALL 1983a, S.118ff; vgl. auch NEILL 1972, S.328f], an dessen Ende Neill und WELLS sich gegenseitig beschimpften [vgl. NEILL 1972, S.246]. Abschließender Höhepunkt war ein Schreiben von WELLS an Neill: "Dear Neill No. I decline your stamps, but this business is quackery. You call me a blimp. I call you a sucker. Bless you. Yours, H.G. Wells." [WELLS in: CROALL 1983a, S.120; vgl. auch WELLS in: PLACZEK 1981, S.144] [23]

In diesen Jahren hatte Summerhill immer stärkere finanzielle Schwierigkeiten. Neill berichtete Wilhelm Reich davon: "Ich habe Außenstände in Höhe von Tausenden von Pfunden verloren und konnte nicht wegen eines einzigen Falles vor Gericht gehen; denn die Rechtsanwälte hätten einfach Passagen aus meinen Büchern (freilich aus dem Zusammenhang gerissen) vorgelesen und damit jeden Richter und Geschworenen davon überzeugt, daß ich eine unmoralische Schule habe; solcherart Publizität aber würde meine Arbeit vernichten. ABER, Reich, diesem negativen Aspekt steht die Tatsache entgegen, daß meine Bücher auf japanisch und skandinavisch erscheinen." [NEILL in: PLACZEK 1981, S.322] Die Popularität in Skandinavien führte zu einer Situation, die die finanziellen Sorgen hätte bereinigen können. "Recently I wrote to the Ministry of Education saying that a Danish parent wanted to send me twenty to fifty Scandinavian pupils, and that the parents of these pupils would send over free of charge prefabricated houses to house them." [NEILL 1949, S.104] Das Ministerium lehnte diesen Vorschlag ohne Begründung ab. Neill war darüber sehr verärgert [vgl. NEILL 1949, S.104; vgl. auch NEILL 1953, S.176].

Den Vorwurf, eine "unmoralische Schule" zu betreiben, bekam Neill nicht allein von den Lesern seiner Bücher zu hören. Es gehörte zu den Grundmaximen seiner Pädagogik, Kindern und Jugendlichen ein freies Ausleben ihrer Sexualität zu ermöglichen. Daß es dabei nie zu Schwangerschaften gekommen sei, schrieb Neill später [vgl. NEILL 1967, S.29; 1972, S.273; vgl. auch SEGEFJORD 1968, S.142f; sowie DARLING in: Oxford Review of Education, 18(1992), H.1, S.51], beruhe auf der Verantwortlichkeit, die die Jugendlichen der Schule gegenüber empfänden. Tatsächlich ist jedoch im Briefwechsel mit Wilhelm Reich an mehreren Stellen die Rede davon, daß Mädchen schwanger geworden seien [vgl. NEILL in: PLACZEK, S.432, 465, 558]. In einzelnen Fällen mag dies - wenn es sich um einen Vorwurf von seiten zahlungsunwilliger Eltern handelte [vgl. NEILL in: PLACZEK, S.558] - nicht unbedingt den Tatsachen entsprochen haben. Aber es ist bemerkenswert, mit welcher Sicherheit Neill später behauptete, es sei nie zu Schwangerschaften gekommen. Gleichwohl liegt die Vermutung nahe, daß es an der - in den Augen der Öffentlichkeit - "unmoralischen" Schule, die ihren Schülerinnen und Schülern ein freies Sexualleben zugestand, zu nicht mehr Schwangerschaften kam als an anderen koedukativen oder auch getrenntgeschlechtlichen Internatsschulen auch [mehr zur Berichterstattung über die Schule in der Tagespresse ab S.83].

Auf die nächste Fahrt in die USA nahm Neill Ena und Zoë mit. Diese Reise fand im August 1948 statt [vgl. PLACZEK 1981, S.327; vgl. auch CROALL 1983b, S.313, 318, 348]. Zu Schulbeginn im September reisten Ena und Zoë wieder zurück, während Neill noch bis Anfang November in den USA blieb, um Vorträge zu halten und an Seminaren teilzunehmen [vgl. PLACZEK 1981, S.327]. Für das "New York Times Magazine" verfaßte er noch in den USA einen Artikel mit dem Titel Love-Discipline, Yes - Hate-Discipline, No, der Anfang November erschien. Darin schreibt er: "I have a strong suspicion that the benign discipline of American homes and schools engenders the same kind of neurotic products as does the strict discipline of a bad British boarding school." [NEILL in: New York Times Magazine, 07.11.1948; vgl. auch NEILL in: CROALL 1983a, S.57]

1949 fand in Summerhill eine Schulinspektion statt, die schon Monate vorher für Aufregung gesorgt hatte. Bereits in The Problem Family hatte Neill die Schulinspektionen unter der Kapitelüberschrift Angst vor der Zukunft behandelt [vgl. NEILL 1949, S.50f]. Die staatlichen Schulinspektoren sollten sowohl die baulichen Gegebenheiten der Schule überprüfen als auch die pädagogische Arbeit bewerten. Insbesondere hiervor hatte Neill große Angst. Seit Neill im Januar von der bevorstehenden Inspektion wußte, erwähnte er sie in jedem Brief, den er bis Juni an Wilhelm Reich schrieb [vgl. NEILL in: PLACZEK 1981, S.341ff (344, 348, 350, 352, 358)]. Am 13. Juni fand die Inspektion schließlich statt. "Unsere Inspektion ist vorbei. Zwei ältliche Herren sind zwei Tage lang hier gewesen. Beide sehr freundlich, aber offensichtlich ratlos, was denn zu inspizieren sei. Wie erwartet übergingen sie die große Frage von Charakter, Ausgeglichenheit, Aufrichtigkeit usw. und konzentrierten sich auf Französisch, Mathe usw." [NEILL in: PLACZEK 1981, S.362]

Das Ergebnis der Untersuchung wurde erst einige Monate später offiziell veröffentlicht, und Summerhill schnitt dabei nicht schlecht ab [vgl. NEILL in: TES 26.07.1957, S.1053]. Neill dokumentierte den Text selbst im Anhang seines übernächsten Buches The Free Child [vgl. NEILL 1953, S.162ff; vgl. auch BLACKIE in: TES 03.12.1982, S.16; sowie HEMMINGS 1972, S.136; und GROSS/GROSS 1971, S.247ff]. Neills Angst vor derartigen Ereignissen war vermutlich von Wilhelm Reich erneut geweckt worden, der in den letzten Jahren seines Lebens einen ausgeprägten Verfolgungswahn entwickelte. Die eigentlichen Ursprünge der Angst Neills lagen jedoch in den Erfahrungen aus seiner Kindheit, in der Erinnerung an die Furcht des Vaters, dessen Einkommen von der Einschätzung der Schulinspektoren abgehangen hatte. In den Büchern und Briefen Neills werden die Inspektionen auffällig häufig hervorgehoben und werden von ihm stets mit ausgeprägten Zukunftsängsten verbunden [vgl. NEILL 1915, S.131; NEILL 1919, S.137; NEILL 1936, S.111; NEILL in: New Era 13(1932), S.293ff; NEILL 1939, S.64, 168; NEILL 1953, S.139f; NEILL 1972, S.50f; NEILL 1972, S.192ff; NEILL in: PLACZEK 1981, S.341, 344, 348, 350, 352, 358, 362, 365].



Fußnote

[21] "He who can does. He who cannot teaches" aus "Education", vgl. The Oxford Dictionary of Quotations, Oxford University Press, Oxford/New York/Toronto/Melbourne, 31979 (zuerst 1941), S.497

[22] vgl. Neill in: The Student 28.06.1912, S.404; NEILL 1915, S. 61, 69, 77, 78, 93, 99, 130, 170, 173; NEILL 1917 S. 526, 546, 601, 617, 637, 639, 653; NEILL 1919, S.140; NEILL in New Era 1(1920), H.4, S.95; NEILL 1921b, S. 366, 412, 426, 444; NEILL 1923, S. 45, 106; NEILL 1926, S.163; NEILL in: New Era 13(1932), S.296; NEILL 1932, S.48, 147, 235; NEILL in: Blewitt 1934, S.125; NEILL 1937, S.94, 125, 139; NEILL 1939, S.38, 131; NEILL 1945, S.17, 51, 57, 63, 110; NEILL 1949, S.24, 150, 156; NEILL 1953, S.138, 156; NEILL 1967, S.13, 44, 48, 73, 75, 102, 131, 135, 152; NEILL 1972, S.70, 106, 169, 224, 230, 232, 237, 276, 282, 285, 303, 313, 335, 345 (insgesamt sind es 42 Nennungen)

[23] Colonel Blimp war eine von dem Zeichner Sir David LOW erfundene Karikatur des extremen Reaktionärs [C.* 07/1993]; Neill benutzte sie häufig, um seine Argumentation zu pointieren [vgl. NEILL 1949, S.89, 119; 1953, S.7, 24, 122; 1972, S.328; NEILL in: PLACZEK 1981, S.144].



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