Versuch einer grundlegenden
Bestandsaufnahme unter besonderer Berücksichtigung der gegenwärtigen
pädagogischen Diskussion.
HAUSARBEIT
zur Prüfung für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen
an der Universität Lüneburg
Dozent: Prof. Dr. Jörn Ziegenspeck
vorgelegt von: Stefanie Bosselmann
Lüneburg, den 4.10.1999
1. Einleitung *
2. Zum historischen Hintergrund Summerhills:
Die Reformpädagogik *
2.1. Die Entstehung der Reformpädagogik *
2.2. Die Kritikpunkte und Forderungen der Reformpädagogen *
2.3. Das Umsetzen der Forderungen durch verschiedene reformpädagogische Richtungen *
2.4. Die Internationalität unter besonderer Berücksichtigung Englands *
2.5. Zusammenfassung *
3. Biographische Daten
zu A. S. Neill *
3.1. Kindheit und Jugend *4 Neills pädagogisch-psychologische Grundannahmen *
3.2. Berufliche Laufbahn und Studium *
3.3. Homer Lane und Neills Rückkehr in den Schuldienst *
3.4. New Era und Hellerau *
3.5. Zeit des Umzugs *
3.6. Neill und Wilhelm Reich *
3.7. Kriegs- und Nachkriegszeit *
3.8. Neill im Alter *
3.9. Zusammenfassung *
4.1 Erziehung *
4.2 Freiheit *4.2.1: Aufwachsen in Unfreiheit *4.3 Neills Ansicht über Religion und Moral *
4.2.2. Aufwachsen in Freiheit *
4.2.3. Grenzen der Freiheit *
4.4 Freie Sexualität *
4.5 Psychologie *
4.6 Neill und die linksradikale Politik *
4.7 Zusammenfassung *
5 Zur Struktur Summerhills:
Prinzipien - Hauptmerkmale - Besonderheiten *
5.1 Zum Self-government *5.1.1 General Meeting und Gesetze *5.2 Zum Unterricht *
5.1.2 Tribunal *
5.1.3 Officers und Ombudsmen *5.1.3.1 Ombudsmen *5.1.4 Komitees *
5.1.3.2 Beddies-Officers *
5.1.3.3 Fines-Officers *
5.3 Zum Stundenplan und zu den Fächern *
5.4 Zu den Schülern Summerhills *5.4.1 Allgemeines *5.5 Zu den Lehrern und Betreuern *
5.4.2 Verschiedene Altersstufen *5.4.2.1 San- und House-Kids *
5.4.2.2 Shack- und Carriage-Kids *
5.4.2.3 Kinder aus problematischen Familienverhältnissen *
5.6 Zu den Eltern *
5.7 Zusammenfassung *
6 Summerhill nach
Neill *
6.1 Zeit um Neills Tod *
6.2 Summerhill unter Enas Leitung *
6.3 Zoë als Schulleiterin *
6.4 Summerhills heutige Schüler *
6.5 Zusammenfassung *
7 Summerhill in der
Öffentlichkeit *
7.1 Filme und Dokumentationen *8 Summerhill in Not: Zur gegenwärtigen bildungspolitischen Situation *7.1.1 Channel 4: Cutting Edge. Summerhill at 70 *7.2 Darstellung in Printmedien *
7.1.2 Andere Darstellungen *7.2.1 The Times und The Sunday Times *7.3 Flankierende Veröffentlichungen *
7.2.2 The Guardian *
7.2.3 Beispiel einer Fachzeitschrift: The Times Educational Supplement *
7.2.4 Deutsche Zeitungen *7.3.1 Eigene Darstellung der Schule *7.4 Zusammenfassung *
7.3.2 Friends of Summerhill Trust *
8.1 Zusammenfassung der bisherigen Inspektionen Summerhills *9 Zur pädagogischen Bedeutung Summerhills *
8.2 Die letzte Inspektion vom März 1999 *8.2.1 Positive Ergebnisse *8.3 Forderungen der Inspektoren *
8.2.2 Negative Ergebnisse *
8.4 Summerhills Reaktionen auf die Kritik *
8.5 Schüler über Summerhill *
8.6 Zusammenfassung *
9.1 Möglichkeiten und Grenzen *10 Thesenartige Zusammenfassung der einzelnen Kapitel *
9.2 Häufige Kritikpunkte und Vorurteile gegenüber Summerhill *
9.3 Zum weiteren Werdegang ehemaliger Summerhill-Schüler: Die Bernstein-Studie *9.3.1 Positives und Negatives über Summerhill für die Zukunft der Schüler *9.4 Zusammenfassung *
9.3.2 Hauptkommentare ehemaliger 'Summerhillians' über ihre Schule *
9.3.3 Weitere Laufbahn der befragten Personen *
9.3.4 Summerhill-Schüler als Eltern *
9.3.5 Schlußbetrachtung der Bernstein-Studie *
11 Literatur *
Kamp, Johannes-M (1997b): TITEL. Unveröffentlichter Vortrag an der Universität Lüneburg vom 6.05.1997 *
12 Anhang *
"Hey! Teacher! Leave those kids alone!"
Es scheint, als hätte Neill diese Zeilen bereits gehört und beherzigt, lange bevor sie überhaupt geschrieben wurden, als hätte er den Ausruf dieser fiktiven Kinder verinnerlicht und nach ihm seine Schule konzipiert. Unklar ist jedoch, ob The Pink Floyd Neill und seine Philosophie zum Zeitpunkt des Verfassens ihres Liedes kannten.
In Summerhill haben die Kinder das Recht, allein gelassen zu werden. Sie dürfen auch ohne Erwachsene tätig sein. Wenn die Schüler wollen, brauchen sie gar nicht erst zum Unterricht zu erscheinen. Sie schreiben keine Tests, tragen keine Schuluniformen und bekommen weder Zensuren, noch Zeugnisse - es sei denn, sie wünschen dieses. Es stört niemanden, wenn sie es vorziehen statt im Klassenzimmer zu sitzen, in der Sonne zu liegen, Baumhäuser zu bauen, zu töpfern oder einfach gar nichts zu machen. Man vertraut den Entscheidungen der Kinder und geht davon aus, daß sie auch beim Spielen, Basteln oder bei all ihren Tätigkeiten, denen sie außerhalb oder anstelle des Unterrichts nachgehen, etwas lernen oder zumindestens Spaß haben. Die Kinder Summerhills brauchen keine Erziehung durch Erwachsene, wie die meisten Kinder sie erfahren. Sie brauchen auch keine Lehrer, die ihnen sagen, was sie dürfen und was nicht. Die Kinder in Summerhill machen ihre eigenen Gesetze und achten darauf, daß diese auch eingehalten werden. Bei Verstößen sind sie es, die entscheiden, was zu tun ist. Summerhill ist nicht gegen Erwachsene, aber sie werden trotz ihres Alters, ihres Wissens und ihrer Fähigkeiten nicht anders behandelt als ein fünfjähriges Kind. Und trotzdem oder gerade deswegen werden diese Kinder zu zivilisierten, verantwortungsbewußten Menschen.
Solche ungewöhnlichen Haltungen gegenüber Kindern und der Institution Schule stoßen auf die unterschiedlichsten Reaktionen. Die einen sehen in Summerhill all ihre Wünsche für eine Schule verwirklicht, in die Kinder gern gehen, die anderen hingegen befürchten eine Verwahrlosung und keine Perspektive für die Zukunft der Kinder, bei denen niemand darauf achtet, ob sie Lesen oder Schreiben können. Es wurde viel spekuliert und wilde Phantasien ausgemalt und verbreitet. Die Schule stand dadurch und aufgrund verschiedenster Einwände seitens der Regierung bereits mehrere Male vor ihrer Schließung, die bisher jedoch immer erfolgreich verhindert werden konnte. Somit existiert das einstige Versuchsprojekt Summerhill inzwischen seit fast 80 Jahren mit mehr oder weniger großem Bekanntheitsgrad.
Die vorliegende Arbeit soll mehr als nur einen Überblick über die Geschichte dieser revolutionären Schule beinhalten. Sie soll zusätzlich die gegenwärtige Situation beleuchten, über die nur selten berichtet wird. Es wurde versucht, die einzelnen Kapitel in ihrer Quantität vergleichbar zu gestalten. Dieses war jedoch bei Kapitel 5 nicht möglich, da es für das Verständnis Summerhills essentielle Informationen beinhaltet, wodurch es wesentlich länger geworden ist als die übrigen Kapitel.
Die Arbeit beginnt mit einer zeitlichen
Einordnung und geht anschließend ausführlich auf den Begründer
Neill und seine Grundsätze ein. Es folgt das bereits erwähnte
5. Kapitel. Im 6. Kapitel wird gezeigt, daß Summerhill nicht von
seinem Begründer abhängig war und auch ohne Neill weiterhin existiert.
Anschließend wird auf die Darstellung Summerhills in den Medien eingegangen
und auf die Konflikte mit der Regierung, die Summerhill aufgrund seiner
außergewöhnlichen Schulpraxis immer wieder hatte und die sich
zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Arbeit sehr bedrohlich für die
weitere Existenz der Schule auswirken. Als Abschluß werden die Möglichkeiten
und Grenzen Summerhills in Bezug auf das Schulwesen betrachtet. Zusätzlich
werden die häufigsten Kritikpunkte an Neills Philosophie genannt und
darüber berichtet, was aus ehemaligen Summerhill-Schülern geworden
ist. Jedes Kapitel wird mit einer kurzen Zusammenfassung der wesentlichen
Inhalte beendet. Diese Zusammenfassungen erscheinen erneut in Kapitel 10,
um einen abschließenden Überblick über diese Arbeit zu
erleichtern.
Dieses Kapitel soll Einblick gewähren in die zeitlichen Umstände, unter denen Neill aufwuchs und lebte sowie die Umstände für das Entstehen seiner Philosophie zugänglich machen. Es zeigt, daß Neill und sein Wunsch nach einer eigenen Schule nach neuen Prinzipien kein Einzelfall war, sondern daß es eine ganze Reihe Pädagogen verschiedener Nationen gab, die diesem Wunsch nachgingen und sich zu diesem Zweck miteinander zu Fachkreisen verbanden.
Die Kritik der Reformpädagogen beschränkte sich nicht nur auf die bisherigen Methoden, es wurden auch die Unterrichtsinhalte angegriffen. Die Schulbildung sollte sich am Leben der Kinder, ihre Inhalte sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Kinder orientieren und nicht an veralteten Lehrplänen. Statt des Auswendiglernens von Fakten und Kenntnissen sollten die Schüler künstlerisch tätig sein. Die Schule wurde lediglich als "Übergangsgesellschaft" betrachtet, die sich durch Lebensnähe auszeichnen sollte (Vgl. Röhrs 1998a, 39).
Durch diese können die Kinder einen Sinn in ihrem Tun erkennen und werden zu Menschen, die ihre Lebensaufgaben selbständig bewältigen können.
Bekannte Kunsterzieher waren Alfred Lichtwark, Adolf Jensen und Heinrich Scharrelmann.
Repräsentanten der Jugendbewegung waren Ludwig Gurlitt, Gustav Wyneken, Wilhelm Flitner sowie Hermann Hoffmann.
Vertreter waren u. a. Pawel P. Blonskij, Paul Oestreich, Robert Seidel, Georg Kerschensteiner und Adolphe Ferrière.
Die Erziehung geht über den Schulunterricht hinaus. Es soll nicht nur zur Gemeinschaft erzogen werden, Landschulheime sollen selbst eine solche Gemeinschaft darstellen. Die Schüler sollen gemeinsam leben und erleben und Verantwortung übernehmen.
Ihre bekanntesten Vertreter waren Hermann Lietz, Paul Geheeb und Kurt Hahn.
Diese Richtung wurde von Ellen Key, Maria
Montessori, Heinrich Scharrelmann und in besonders radikaler Form von Alexander
S. Neill in Anlehnung an die Junior Republics unterstützt.
England wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die USA beeinflußt und war für reformpädagogische Gedanken besonders empfänglich. Die in England als 'Progressive Schools' bezeichneten 'Neuen Schulen' entstanden jedoch eher im privaten Bereich als Nachfolger der traditionellen, aber dennoch modernen Quäkerschulen in Form von Landschulheimen für Kinder aus vermögenden Familien. Die neuen Vorstellungen der verschiedenen Einrichtungen wurden wiederum sehr unterschiedlich umgesetzt. Die vier englischen Progressive Schools vor der Jahrhundertwende waren und sind teilweise heute noch das 1889 von Cecil Reddie gegründete Abbotsholme, Bedales, das 1893 von John H. Badleys ins Leben gerufen wird, Alexander Devines 1896 eröffnetes Clayesmore und die 1889 durch eine Elterninitiative gegründete Ganztagesschule King Alfred (Vgl. Kapitel 3.3.). Im Laufe der Zeit gründeten ehemalige Lehrer oder Besucher dieser Einrichtungen ihre eigenen Schulen.
Bis 1922 wurden 44 Neue Schulen festgestellt, von denen sich 15 in England und 13 in Deutschland befanden (Vgl. Röhrs 1998a, 41).
Zusätzlich wurde die Ausbreitung und Internationalisierung der reformpädagogischen Gedanken der New Education Fellowship unterstützt. Diese Organisation verbreitete besonders für den Primarbereich die Grundsätze alternativer Pädagogik. Sie arbeitete an einer neuen Weltpädagogik, um sich so für einen dauerhaften Frieden einzusetzen (Vgl. Röhrs 1994, 191). Die Mitglieder waren (Hochschul-) Lehrer, Schulinspektoren, Vertreter der Bezirksverwaltung und Eltern, so daß sowohl zu staatlichen Einrichtungen als auch zur Universität Verbindungen hergestellt waren. Unter ihnen waren z. B. Maria Montessori, Paul Geheeb, Peter Petersen und Adolphe Ferrière, die auf den Tagungen der New Education Fellowship ihre Schulkonzepte vorstellten. Darüber hinaus erschienen ihre Zeitschrift "New Era", für die u. a. auch Neill arbeitete, und es fanden viele Vortragsreisen statt (s. Kapitel 3.4.).
Der Höhepunkt der New Education Fellowship findet 1933 nach der Verbindung mit der amerikanischen "Progressive Education Association" statt, wodurch eine Verbindung zwischen Europa und den USA geschaffen wurde.
Die Reformpädagogen setzten sich für eine kindgerechte Schule ein, um so selbständige Menschen zu erziehen und dadurch einen Beitrag zur Bildung einer neuen Gesellschaft zu leisten.
Neill wird heute in der Fachliteratur im
allgemeinen nicht als Reformpädagoge erwähnt, obwohl er wie viele
andere berühmte Pädagogen dieser Zeit speziell für die "New
Era" sehr engagiert war. Bis auf wenige Ausnahmen nahmen alle Reformpädagogen
Abstand von seinen als linksradikal aufgefaßten Äußerungen.
Auf die Entstehung und Verbreitung seiner Ideen wird im nächsten Kapitel
näher eingegangen.
In diesem Kapitel werden nur die wichtigsten seiner Bücher genannt. Zur Vervollständigung der Angaben befindet sich im Anhang (s. Anhang I) eine Aufführung sämtlicher erschienener Werke.
Mit viereinhalb Jahren wurde Neill in Kingsmuir in die von seinem Vater geleitete Schule eingeschult. Zu dieser Zeit war es in Schottland üblich, Kinder mit Schlägen und harten Strafen zu disziplinieren. Da Neill von seinem Vater unterrichtet wurde und nicht als bevorzugt erscheinen sollte und zudem als das unbegabteste Kind der Familie galt, wurde er sehr streng behandelt. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn wird dadurch sehr negativ beeinflußt und Neill sprach später davon, sich seinem Vater gegenüber minderwertig gefühlt zu haben (Vgl. Neill 1982, 164). Das Verhältnis zu seinem Vater war zudem schlecht, da sein Vater ihn entweder nicht beachtete, oder ihn auch zu Hause streng behandelte. Neills Mutter, die vor ihrer Hochzeit ebenfalls als Lehrerin tätig war, legte viel Wert auf das Prestige der Familie. Trotz der begrenzten finanziellen Mittel achtete sie stets darauf, daß die Kinder gut gekleidet waren.
Neill bezeichnete sie später als einen "Snob" (Neill. Zit. n. Kühn 1995a, 9). Darüber hinaus litt er unter dem schottischen Kalvinismus, der hauptsächlich durch seine Großmutter in die Familie getragen wurde.
Eine besonders enge Beziehung hatte Neill zu seiner rebellischen Lieblingsschwester Clunie, die ihm zusätzlich durch ihren geringen Altersabstand am nächsten stand.
Bis 1908 nahm er wechselnde Lehrerstellungen an und bestand schließlich sowohl die zweite Hälfte des Lehrerexamens als auch die Aufnahmeprüfung der Universität. Ihm wurde inzwischen bewußt, daß das schottische Schulsystem zu viele Grenzen setzt, so daß er nicht mehr als Lehrer arbeiten wollte. Statt dessen immatrikulierte Neill sich an der Universität Edinburgh für das Studium der Agrarwissenschaften, ohne sich wirklich dafür zu interessieren. Auch dieses Studium brach er frühzeitig ab und begann, Englische Literatur zu studieren. Dieses Studium fesselte ihn und Neill fing an, viel zu lesen und auch selber zu schreiben. In seinem letzten Studienjahr wurde er Herausgeber der studentischen Zeitung "The Student". Außerdem schrieb er Kurzgeschichten, um seinen Lebensunterhalt finanzieren zu können und fand endlich Zugang zum gesellschaftlichen Leben. Bis kurz vor dem Ende seines Studiums strebte der junge Neill die gleichen Ideale wie seine Eltern an. Er legte Wert auf ein kulturelles und gesellschaftliches Leben und besaß eine konservative Einstellung. Erst dann wandte er sich gegen die Religion, das Bürgertum und seine Traditionen und interessierte sich für den trat Sozialismus (s. Kapitel 4.6.).
Am 5. Juli 1912 beendete Neill sein Studium zum 'Master of Arts' und arbeitete anschließend als Redakteur für verschiedene Verlage, weswegen er mit 29 Jahren nach London umzog. Dort wurde er außerdem Mitglied der "Labour Party".
1913 wandte er sich wegen seiner Kriegsuntauglichkeit erneut dem Schuldienst zu und wurde am 15. Oktober 1914 Schulleiter der Gretna Public School in Schottland. Hierüber sagte Neill, daß ihm "...zum ersten Mal bewußt [wurde], was Erziehung bedeutet" (Neill. Zit. n. Kühn 1995a, 29). Er bemerkte frühzeitig den Wunsch, gegen den Lernzwang und das strafende System anzugehen und statt dessen mehr Wert auf Spiel und Freude zu legen. Neill träumte von seiner eigenen Schule und entwickelt einige seiner pädagogischen Grundsätze. So konnten seine Schüler den Unterricht verlassen, wenn sie es für es richtig hielten, was bei den Eltern allerdings auf Unverständnis stieß.
Darüberhinaus schrieb er mit Hilfe des zu führenden Schultagebuchs sein erstes Buch "A Dominie`s Log", durch dessen Veröffentlichung er Kontakt zu ähnlich denkenden Pädagogen bekam.
Während dieser Zeit erfuhr Neill von der Jaques-Dalcroze-Schule in Hellerau bei Dresden und besuchte außerdem die King Alfred School in Hampstead. Zusätzlich hielt Neill Vorträge über Erziehung und führte eine Abendschule für über Vierzehnjährige, in der er seine vorübergehend Verlobte Jessie Irving kennenlernte.
1916 meldete sich Neill nun doch zum Militär und schrieb während dieser Zeit sein zweites Buch "A Dominie Dismissed", das 1917 erschien. Neill wurde jedoch aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes frühzeitig ehrenhaft aus dem Militärdienst entlassen und widmete sich erneut dem Schuldienst.
Außerdem beobachtete Neill, wie Lane in seinem Little Commonwealth die psychoanalytische Pädagogik in die Praxis umsetzte. Er lernte während seines Besuches die Selbstverwaltung (s. Kapitel 5.1.) und 'Paradoxe Sanktionen' kennen und überredete Lane, ihn nach seinem Militärdienst dort arbeiten zu lassen. Er war überzeugt davon, daß Lane "die bei weitem eindrucksvollste Persönlichkeit" war, die er kannte (Neill. Zit. n. Kamp 1995, 317). Seine Begeisterung ging so weit, daß er über seinen späteren Freund einen Vortrag hielt, durch den dieser sich jedoch mißverstanden fühlte und beide sich vorübergehend trennten.
Zunächst bemühte sich Neill im Dezember 1918 um eine Anstellung an John Russells King Alfred School, da das Little Commonwealth aufgrund eines Skandals geschlossen wurde. Diese befindet sich auch heute noch in London, in Lanes neuer Wohnstadt. Neill und Lane hielten weiterhin privaten Kontakt, durch den Neill über Freuds Psychoanalyse unterrichtet wurde. Darüber hinaus schickte Lane seine beiden Kinder in Neills Klasse.
Die King Alfred School galt als sehr fortschrittlich und modern, da es dort keine Körperstrafen und keine Zensuren, dafür aber eine freiere Disziplin und bereits früh die Koedukation gibt. Neill führte dort zusätzlich in seiner Klasse die Selbstverwaltung ein, durch die die Kinder über die Schulgesetze abstimmen konnten. Er mußte jedoch bald feststellen, daß die anderen Lehrer keine wirkliche Gleichheit mit den Schülern anstrebten, daß trotz praktizierter Koedukation die Sexualität der Kinder unterdrückt wurde und daß der Schulleiter John Russell sehr durch Moral geprägt war. Neills Selbstverwaltung wurde nur von ihm unterstützt und scheiterte durch die mangelnde Konsequenz in der Durchführung.
Während seiner Tätigkeit an der King Alfred School lernte Neill die gleichgesinnte und sehr engagierte Lilian Neustätter kennen, deren Sohn Neills Klasse besuchte. Beide gestalteten einen Schulentwurf, den sie aus Geldmangel jedoch zunächst nicht umsetzen konnten.
Durch die zunehmenden Unstimmigkeiten mit der Schulleitung und den Kollegen verließ Neill die King Alfred School nach fünf Trimestern wieder, entschlossen, seine eigene wirklich freie Schule zu gründen.
Neills radikale Haltung entfachte viele Diskussionen und Streitereien mit anderen Reformpädagogen, die sich z. B. für mehr Freiheit der Kinder einsetzten, im Gegensatz zu Neill jedoch eine anerzogene, von der herrschenden Moral geleiteten Freiheit. Die Auffassungsunterschiede verstärkten sich im Laufe der Zeit so sehr, daß Neills Tätigkeit bei der "New Era" dort zwei Jahre später beendet wurde und er seine eigene Schulidee in die Realität umsetzen wollte.
Noch während seiner Mitherausgeberschaft reiste Neill im August 1921 nach Dresden. Offizieller Grund für die Reise war es, einen Artikel über die frühere Jaques-Dalcroze-Schule zu schreiben. Für Neill persönlich war jedoch eine Einladung von Lilian Neustätter viel interessanter, da diese eine Möglichkeit zur Gründung von Neills eigener Schule sah. In Hellerau bei Dresden bekam Neill das Angebot, als Erweiterung der Rhythmik-Abteilung und der "Neuen deutschen Schule" eine internationale Schule zu gründen. Dieses Angebot bezeichnete Neill im nachhinein als Datum seiner Schulgründung, auch wenn die Schule erst 1922 tatsächlich gegründet wurde (Vgl. Kamp 1995, 355). Hier konnte Neill seine persönlichen Vorstellungen einer Schule umsetzen: Er führte erneut die Selbstverwaltung ein, hob das Klassensystem auf, ließ die Schüler entscheiden, ob sie am Unterricht teilnehmen wollten, wendete paradoxe Sanktionen an und gab "private lessons" (s. Kapitel 3.3. und 4.5.). Die Organisation übernahm Lillian Neustätter und ihr Mann Dr. Otto Neustätter die Geschäftsführung der Schule. Neill schrieb währenddessen ein weiteres Buch seiner Dominie-Serie mit dem Titel "A Dominie Abroad" und stellte fest, daß er statt am Unterrichten jetzt verstärkt an der Psychoanalyse interessiert war.
Es kam schon bald aufgrund unterschiedlicher Meinungen zu Schwierigkeiten mit dem Personal der Neuen Deutschen Schule. Neill schrieb 1924 in "A Dominie`s Five" über die Situation folgendes:
1924 wurde Neills Schule von der österreichischen Schulverwaltung geschlossen, da Neills Vorstellungen nicht mit dem stark religiösen Umfeld übereinstimmten. Die Schule mußte erneut umziehen, dieses Mal mit fünf Schülern auf den "Summer-Hill" in Lyme Regis in England, dessen Namen die Schule auch heute noch trägt.
1926 erschien das Buch "The Problem Child", worin sich Neill, der sich inzwischen als Kinderpsychologe verstand, das erste Mal ernsthaft und wissenschaftlich mit dem Kind auseinandersetzte. Die Folgen waren, daß Summerhill einerseits vorerst keine finanziellen Nöte mehr hatte und Neill zahlreiche Vorträge in England hielt, andererseits von nun an speziell von Problemkindern besucht wurde, für die Summerhill die letzte Möglichkeit zur Besserung darstellte.
1927 heirateten Neill und die inzwischen von Dr. Otto Neustätter geschiedene Lilian Neustätter "der Schule wegen" und um ihr die englische Staatsbürgerschaft zu ermöglichen (Vgl. Neill 1982, 271).
1927 endete das Mietverhältnis in Lyme Regis und Neill zog mit seiner Schule nach Leiston in Suffolk, England, an den Ort, an dem sie auch heute noch existiert. Die Schule wurde zu dem Zeitpunkt von 31 Schülern besucht und die Zahlen sollten von nun an steigen.
In den 30er Jahren begann Neill auch im Ausland Vorträge zu halten und dachte sogar darüber nach, eine Zweigstelle Summerhills in Südafrika zu gründen. Diese Idee wurde aufgrund der dort herrschenden religiösen Umstände jedoch nicht realisiert.
Weitere Gründe für diese Therapie waren seine angegriffene Gesundheit und starke emotionale Schwierigkeiten. So war er einerseits kaum in der Lage, Zuneigung auszudrücken und andererseits aber auch nicht fähig zu hassen. Durch Reichs Therapie lernte er, besser mit seinen Gefühlen umzugehen und setzte sich mit seiner Kindheit auseinander. Dieses hielt er als ersten Teil seiner Autobiographie "Neill! Neill! Orange Peel!" (1972) fest. Hinzukamen Neills Probleme hinsichtlich seiner nicht ausgelebten Sexualität durch die platonische Ehe mit Lilian Neustätter und seiner um der Schule Willen nicht heimlichen Affaire (s. Kapitel 4.4.).
Im Sommer 1939 emigrierte Reich in die USA. Die Freundschaft wurde durch Briefe und Besuche trotz gelegentlicher Differenzen und Reichs im Alter zunehmendem Wahnsinn aufrechterhalten.
Neill galt in einigen Lehrerkreisen inzwischen als "Prophet eines Neuen Zeitalters" und auch die staatlichen Schulen nehmen zumindest in der Theorie progressive Elemente wahr (Vgl. Kamp 1995, 417).
Am 30. April 1944 starb Neills Frau nachdem sie durch einen Schlaganfall stark verwirrt war und in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen werden mußte.
Bereits 1945 heiratete Neill im Alter von 62 Jahren die wesentlich jüngere Küchengehilfin Ena Wood, die zuvor Neills erste Frau gepflegt hatte. Dieses Mal handelte es sich nicht ausschließlich um eine Vernunftsehe, sondern durchaus um ein Liebesverhältnis zwischen den Eheleuten.
Kurze Zeit darauf konnte die Schule zurück nach Leiston in das inzwischen sich in einem sehr schlechtem Zustand befindliche Schulgebäude zurückkehren.
Am 2. November 1946 wurde Neills erstes und einziges Kind Zoë geboren (Vgl. Neill, Ena 1991, 18), deren Entwicklung während ihrer ersten sechs Lebensjahre in "The Free Child" festgehalten wurde. Ein halbes Jahr später begab sich Neill erneut auf eine lange Vortragsreise, um so Schüler werben zu können und die erneut desolate finanzielle Situation Summerhills zu entschärfen.
Im Juni 1949 fand die erste Schulinspektion statt. Entgegen Neills Erwartung schnitt die Schule erstaunlich positiv ab.
1959 fand eine weitere Schulinspektion statt, deren Ergebnis "fair, aber desillusionierend" war und die Schülerzahlen sanken (Kühn 1995a, 105). Dieses änderte sich schlagartig als Ende 1960 das Buch "Summerhill: A Radical Approach to Child Rearing" in den USA erschien. Durch den Erfolg dieses Buches kamen viele amerikanische Kinder nach Summerhill, teilweise auch besonders schwierige Fälle, die die Schule wieder verlassen mußten ( s. Kapitel 5.4.2.3.).
Am 10. Mai 1966 wurde Neill der Ehrendoktortitel der Universität Newcastle verliehen. Während dieser Zeit schrieb Neill "Talking of Summerhill", das 1967 erschien. Zuvor wurde "Freedom - not Licence" von seinem Verleger Harold Hart veröffentlicht, das aus einer Auswahl verschiedener Manuskripte bestand und somit nicht Neills Vorstellungen entsprach, jedoch eine dringend nötige finanzielle Sicherheit brachte.
Mit zunehmendem Alter schrieb Neill besonders viel, hauptsächlich jedoch Artikel für Zeitschriften und arbeitete weiter an seiner Autobiographie.
1968 erschien zusätzlich Bernsteins Studie über ehemalige Summerhill-Schüler, die sich im großen und ganzen positiv für Summerhill auswirkte (s. Kapitel 9.3.).
Am 5. Juli 1968 bekam Neill einen weiteren Ehrendoktortitel verliehen, dieses Mal von der Universität Exeter. Dieser Titel bewahrte Summerhill vermutlich vor der erneut bevorstehenden Schließung, da eine weitere Inspektion im Juni 1968 sehr negativ ausfiel. Im selben Jahr stellte ihn seine ehemalige Universität in Edinburgh als Kandidaten für die Rektorwahl auf. Aufgrund seiner Tätigkeit als Schulleiter war Neill jedoch nicht an diesem Amt interessiert und gewann die Wahl auch nicht.
1969 erschien in Deutschland das ebenfalls von Harold Hart herausgegebene Buch "Summerhill. Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung", das im Zuge der Studentenbewegung ein Verkaufserfolg wurde und Summerhill vor dem finanziellen Ruin bewahrte.
1971 feierte Summerhill sein 50-jähriges Bestehen. Zu dieser Zeit wird die Schule zum größten Teil von Neills Frau Ena geleitet (s. Kapitel 6.2.), da Neill selbst das Interesse am Schulalltag verlor und einen Schlaganfall erlitt.
1972 erschien endlich seine Autobiographie "Neill! Neill! Orange Peel" in den USA und ein Jahr später in England. Zu dieser Zeit ging es Neill gesundheitlich immer schlechter. Er starb am 23. September im Krankenhaus des Nachbarortes Aldeburgh.
In seinem Leben galten die Beziehungen zu Homer Lane und Wilhelm Reich als besonders
prägend und folgenreich. Er übernahm die typischen Besonderheiten des 1921 gegründeten
Summerhills hauptsächlich von Homer Lane. Die Freundschaft zu Wilhelm Reich in den
dreißiger Jahren veränderte
viele seiner Annahmen, welches von der Öffentlichkeit bis heute häufig
nicht berücksichtigt wird. Neill hat es geschafft, seine Theorien
in die Praxis umzusetzen und zu leben.
Neill lehnte die Pädagogik im Prinzip ab, da es sich hierbei um eine bewußte Formung des Kindes handelt. Zum einen ist kein Mensch klug genug, daß er anderen vorschreiben kann, wie sie zu leben haben (Vgl. Neill 1982, 245) und zum anderen ist dieses gar nicht notwendig, weil der Mensch von sich aus gut ist und dadurch auch richtig handelt. Neill betrachtete Kinder aus einem anderen Blickwinkel. Eltern gehen normalerweise davon aus, daß dem Kind beigebracht werden muß, wie man lebt und geben ihm Vorschriften und Verbote. Neill hingegen sagte, daß gerade diese Einschränkungen das Kind negativ beeinflussen und verneint sie. Durch sie verliert das Kind seine ursprüngliche Spontaneität, Aufrichtigkeit, Offenheit und Lebensfreude (Vgl. Neill 1969, 234ff.).
Neill war der Meinung, daß es nur möglich ist, Kinder zu beobachten. Erziehung ist für ihn Leben und dieses kann einem Menschen nicht beigebracht werden (Vgl. Kamp 1995, 363). Das Ziel des Lebens ist es, glücklich zu sein. Neill wies zwar darauf hin, daß es eventuell unmöglich ist, Glück zu definieren, ist sich aber sicher, daß man es "in den Augen glücklicher Kinder sehen [kann]"und daß es sich um einen dauerhaften Zustand handelt (Neill 1971, 102). Weitere Ziele sind Aufrichtigkeit, Ausgeglichenheit und der Sinn für die Gemeinschaft (Vgl. Neill 1969, 98).
Die Unfreiheit und Fremdbestimmung setzt bereits mit der Geburt ein, genauer gesagt mit der Nahrungsaufnahme des Neugeborenen, indem es nach der Uhr und nicht nach seinem eigenem Bedürfnis gefüttert wird (Vgl. Neill 1969, 176). Dadurch wird der natürliche Egoismus des Kindes zu früh unterdrückt und die Emotionen des Kindes verdrängt. Deshalb tritt genau
das Gegenteil ein, nämlich die dauerhafte Fixierung des unerwünschten und antisozialen Verhaltens. Neill ging davon aus, daß auch alle anderen negativen Eigenschaften wie Angst, Aggression, schlechtes Benehmen oder Mißtrauen durch äußere Zwänge entstehen, sei es nun durch solche der Familie, der Kirche oder der Gesellschaft (Neill 1969, 123). Das Kind orientiert sich in seinem Verhalten an dem seiner Umgebung, also meist am Verhalten seiner Eltern. Dadurch werden Zwänge leicht tradiert, die häufig die Ursache für frühzeitige Neurosen und andere psychische Störungen sind. Neill kam somit zu der Schlußfolgerung, daß nicht Kinder, sondern ihre Eltern im Sinne von Menschheit problematisch sind . Bei einer frühzeitigen Behandlung besteht die Möglichkeit, die Neurosen des Kindes aufzuheben. Deshalb spezialisierte sich Neill besonders auf Kinder, die als problematisch galten.
Ein weiteres Mißverständnis besteht darin, daß Eltern nicht sehen, daß es für Neill nicht wichtig ist, wie das Kind behandelt wird, solange die Einstellung zu ihm richtig ist und ihm keine Schuldgefühle vermittelt werden. Eltern dürfen ihrem Kind gegenüber durchaus auch einen forscheren Ton benutzen ó sofern sie ihm das selbe Recht gewähren dieses auch in ihrer Gegenwart zu tun. Darüber hinaus heißt Freiheit ('Freedom') auch nicht, daß das Kind automatisch alles machen darf, was es möchte. Dieses bezeichnet Neill als Zügellosigkeit ('Licence'), die durchaus nicht erstrebenswert ist. Die Freiheit des einen Menschen endet dort, wo sie die eines anderen einschränkt. Durch die Rücksichtnahme auf das Recht und das Glück des anderen entsteht die wirkliche Selbstdisziplin (Vgl. Neill 1969, 321).
Neill trennte Religion bzw. Kirche vom eigentlichen Christentum. Die Religion sah er als durch die Politik bestechlich und somit negativ an, das Christentum jedoch positiv. In Summerhill wird keine Religion unterstützt, aber dennoch sagte Neill: "I think we are about the only true Christians in the world" (Neill. Zit. n. Kamp 1995, 304), da Christentum für Neill ganz allgemein Menschenliebe bedeutet. Die ursprüngliche Religion Jesu bewertete Neill positiv, da er die Nächstenliebe wirklich lebte. Dieses wird von den Kirchen allerdings nur gepredigt, nicht gelebt. Neill verwendete weitere christliche Begriffe, wie z. B. die "Erbsünde" der Erziehung. Damit bezeichnete er moralische Anweisungen aller Art bzw. jeglichen Eingriff in die Natur des Menschen, die ihn gut machen sollten (Vgl. Kamp, S. 304, 318). Eine moralische Erziehung verfehlt ihr Ziel meist gänzlich. Neill ging sogar so weit, sie als Auslöser des schlechten Verhaltens zu sehen. Indem das Gute angestrebt wird, wird das Schlechte automatisch ins Unbewußte verdrängt und dort aufrechterhalten (Vgl. Kap 4.2.1).
Neills Schüler sollten eine realistische und gesunde Einstellung zu ihrem Körper haben. Das heißt jedoch nicht, daß Neill ein aktives Sexualleben seiner Schule befürwortete, da es gesetzlich nicht erlaubt war, und die Eltern dieses nicht unterstützen würden. Neills Angst vor der Schulschließung durch einen Skandal wie 1918 in Homer Lanes Little Commonwealth war zu groß als daß er eine Schwangerschaft bei einer Schülerin hätte riskieren können (s. Kapitel 3.3.). Aus diesem Grund sollte die Öffentlichkeit möglichst nicht erfahren, daß die Zimmer der kleineren Kinder von Jungen und Mädchen gemeinsam bewohnt wurden, daß die Kinder nackt schwimmen gingen und die Badezimmertüren nicht verschlossen wurden. In seiner Autobiographie schrieb er: "Das äußerste, was wir in Summerhill tun konnten, war, Selbstbefriedigung als natürlichen Vorgang darzustellen und so die Schuldgefühle bei ängstlichen Kindern zu mildern" (Neill 1982, 273).
Neills eigenes Sexualleben wurde vermutlich dadurch sehr negativ beeinflußt, daß er und seine Schwester Clunie für sexuelle Spiele von ihrem Vater verprügelt wurden. (Vgl. Neill 1982, 274). Neill hatte später durch die Vernunftsehe mit der wesentlich älteren Lilian Neustätter starke sexuelle Probleme. Diese teilt er Reich schriftlich mit und waren ein Grund für seine Therapie im November 1937 (s. Kapitel 3.6.).
Er befaßte sich von nun an mehr mit den unbewußten Motiven, die die Handlungen der Kinder verursachten, als mit deren eigentlichen Taten. Er wollte die Verdrängungen des Unbewußten auflösen, damit sich die Emotionen frei entwickeln können. Anstelle ihres Lehrers, wollte er lieber der Mitarbeiter des Kindes sein. Zu diesem Zweck hielt er ÇPrivate Lessons' (s. Kapitel 3.4.) mit seelisch gestörten Kindern in Form von therapeutischen Gesprächen, in denen die eigentlichen Schwierigkeiten nicht direkt thematisiert wurden. Durch die positive Atmosphäre lockerten sich die Gefühle des Kindes und sein Mißtrauen wurde verringert (Vgl. Schmidt-Herrmann 1987, 177). Die PLs basierten auf keiner festen Methode oder Theorie und sollten ein beschleunigendes Hilfsmittel in der Umerziehung der Kinder sein. Zusätzlich richtete Neill einen Raum zur Analyse des Spielverhaltens ein, ließ die Kinder Theater spielen und erzählte ihnen Abenteuergeschichten, durch die die Kinder ihre Phantasien ausleben konnten. Neill selbst lernte Sigmund Freud nicht kennen und wehrte sich auch immer, als Freudianer bezeichnet zu werden, so wie er sich selbst nicht den Schüler irgendeines Psychologen nannte (Vgl. Neill 1971, 87). Neill äußerte schon früh Kritik an Freuds Theorien, die ihm zu starr erschienen.
Durch die Freundschaft mit Wilhelm Reich wendete sich Neill ganz von Freuds Psychoanalyse ab und machte sich teilweise über seine eigene frühere Haltung lustig. Differenzen ihrer Theorien waren z. B., daß Freuds Menschenbild sehr pessimistisch ist und er sich für eine gezielte Hemmung und Beherrschung der Triebe einsetzt. Neill hingegen glaubt an die Freiheit und sah durch die Entwicklung seiner Tochter Zoë bestätigt, daß Aggressionen erst durch die Unfreiheit der Gesellschaft entstehen (Vgl. Kamp 1995, 421). Gegen eine psychoanalytische Behandlung sprach zusätzlich, daß durch sie nur die Vergangenheit bewältigt werden kann, aber keine Aussagen über die Zukunft getroffen werden können. Es reicht nicht, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort die Neurosen zu therapieren. Es ist sinnvoller, die Verdrängungen durch Aktivitäten spürbar werden zu lassen und diese unmittelbar auszudrücken. Darüber hinaus genügt es nicht, die unbewußten Störungen eines einzelnen Menschen zu behandeln, wenn die Außenwelt ständig neue Störungen produziert. Stattdessen wollte Neill Störungen im voraus vermeiden und verlegt somit seinen Schwerpunkt zurück auf die Pädagogik, um mit ihr einen Beitrag zum Abbau der gesellschaftlichen Zwänge zu leisten. Trotz der neuen Einstellung zur Psychoanalyse stellte Neill seine Private Lessons jedoch nie ganz ein, sondern wendet sie immer wieder in besonders gravierenden Einzelfällen an. Zusätzlich verweist er später darauf, daß die Psychologie dennoch der Ausgangspunkt aller Erziehung sein muß (Vgl. Neill 1982, 207).
gen. Er bezeichnete sich 1921 in "A Dominie Dismissed" selbst als Sozialisten und forderte das Ende des Kapitalismus (Vgl. Kamp 1997a, 111). Während der dreißiger Jahre half er spanischen Bürgerkriegsflüchtlingen und nahm einige von den Nationalsozialisten verfolgte Juden und Deutsche auf.
Als Neill Summerhill gründete, schränkte er seine politischen Tätigkeiten ein, um dem Bild der Schule nicht unnötig zu schaden. Er beendete seine Aktivitäten, nachdem er sich enttäuscht vom russischen Stalinismus abgewandt hatte, da die erhofften Verbesserungen nicht eingetreten waren. Sein Bild der Gesellschaft wurde speziell nach dem Fall der Hiroshima-Bombe pessimistischer, und er gab Äußerungen wie die folgenden von sich: "Ich habe schon lange den Glauben daran aufgegeben, daß sich Reformen auf dem Umweg über die Politik erreichen ließen" und "In einer kranken Welt muß auch die Politik krank sein" (Neill. Zit. n. Kamp 1995, 299).
Johannes-M. Kamp betont, daß Neill seine politischen Tätigkeiten ebenfalls nicht aus Desinteresse aufgab, sondern weil er genau wie in seinen pädagogischen Grundsätzen zu radikal eingestellt war, um in ein Parteiprogramm zu passen (Vgl. Kamp 1997a, 114). Das Aufgeben der Hoffnung, die Gesellschaft durch Politik zu verändern ist jedoch nicht mit dem Revidieren seiner Überzeugung gleichzusetzen. Er bezeichnete sich auch weiterhin als kommunistischen Menschen (nicht als Kommunist!) und machte sich weiterhin kritische Sorgen um die Gesellschaft. Der Schwerpunkt seiner Aktivitäten lag von nun an auf dem Schaffen einer menschenfreundlichen Umgebung, in der dieser glücklich leben kann (Vgl. Kamp 1997b, 6)
Die Erwachsenen sollen auf möglichst alle Beeinflussung verzichten und ihre Kinder nicht durch Religion, Moral oder Unterdrückung der Sexualität formen, um so glückliche Kinder ohne Ängste und Neurosen heranwachsen zu lassen.
Neills Haltung entwickelte sich durch seine
pädagogisch-psychologische Tätigkeit so weit, daß er sich
durch Wilhelm Reichs Einfluß von der Psychoanalyse abwandte und zu
Gunsten Summerhills seine politischen Aktivitäten im nachhinein verneinte
und diese ganz aufgab.
Die Versammlung beschließt hauptsächlich das Aufstellen, Verändern oder Auflösen von Gesetzen ('Laws'), die das Zusammenleben erleichtern sollen.
Die Versammlung wird von einem für die jeweilige Sitzung dafür bestimmten Schüler, dem 'Chairman' bzw. der 'Chairperson', geleitet. Dieser leitet die Diskussionen, bestimmt, wer wann redet und fordert gegebenenfalls die Teilnehmer der Versammlung zur Ruhe auf bzw. verteilt vorgesehene Strafen bei Störungen. Der Chairman selbst hat eine neutrale Position und darf bei Beschlüssen nicht mit abstimmen.
Über den Verlauf wird ein Protokoll ('Notices') von einem Sekretär ('Secretary') geführt, das anschließend öffentlich ausgehängt wird. Die geltenden Gesetze hängen ebenfalls nach Themen wie den Schlafenszeiten, den Ausgehregeln oder den San-Kids (s. u.) aus.
Beschlüsse werden zur Abstimmung gestellt, über die die Mehrheit entscheidet. Dabei zählt die Stimme eines Schülers genauso viel wie die eines Lehrers. Es herrscht absolute Gleichheit. Dadurch, daß Schüler das General Meeting leiten und es feste Regeln für den Verlauf gibt, brauchen die Erwachsenen nicht einzugreifen. Die Gemeinschaft sorgt für das Erhalten der Ordnung.
Die Gesetze wechseln relativ häufig. Viele von ihnen sind vermutlich strenger als die Regeln und Verbote, die in den meisten Familien gelten. Sie lauten z. B.:
"Only 12s and over are allowed sheath knives.
You can`t ride little kids bikes ó even with permission.
You must have a working front and back brake on your bike.
Breaking bedtime laws ó _ hour community work.
You can`t watch TV during lessons or meal times." (Vgl.)
Carl and Juan not allowed to fake blood.
No one may lock people in rooms (including using ropes). (Vgl. Summerhill School (1998), 11; Gardiner in TES 20.03.1998, 10)
Jedes Kind kann eine Ausnahmeregelung von Gesetzen beantragen, wobei dann überlegt wird, ob eine allgemeine Änderung des Gesetzes für alle angemessen ist. Der Umgang mit den Gesetzen ist relativ flexibel. Sie können jederzeit geändert werden, sofern sich die Mehrheit dafür entscheidet. Besonders viele Gesetze sind speziell dann nötig, wenn mehrere neue Schüler in Summerhill sind, die mit dem System noch nicht vertraut sind. Dieses erschwert die Aufrechterhaltung der Selbstverwaltung. Wenn jedoch viele Kinder länger in Summerhill leben und mit seinen Prinzipien zurechtkommen, können einige Gesetze wieder abgeschafft werden. Die Einschränkungen haben immer einen praktischen Zweck. Wenn dieser nicht mehr vorhanden ist oder stillschweigend eingehalten wird, kann das entsprechende Gesetz aufgelöst werden.
Die Kinder können sogar alle Gesetze für nichtig erklären. Dies geschieht gelegentlich, wenn die Kinder keine Lust mehr haben, die zahlreichen und teilweise unübersichtlich gewordenen Gesetze einzuhalten oder immer mehr Kinder die Regeln einfach brechen. Anstelle der Demokratie tritt dann meist die Diktatur oder Anarchie. Die Kinder spüren das darauffolgende Chaos meist sehr schnell am eigenen Leib und erkennen, daß Regeln notwendig sind für ein friedliches Zusammenleben und schätzen die Selbstverwaltung nach solchen Phasen um so mehr (Vgl. Kamp 1997a, S. 125). Taucht der Vorschlag, alle Regeln abzuschaffen nach einiger Zeit erneut auf, erinnern die älteren Schüler die jüngeren daran, wie chaotisch die letzte gesetzlose Phase war, so daß die Gemeinschaft stabilisiert wird (Vgl. Appleton, (1995), 43).
Diese Versammlung dauert etwa eine Stunde lang und beinhaltet im Durchschnitt 10-16 Fälle (Vgl. www.s-hill.demon.co.uk).
Die Leitung des Tribunals übernimmt ebenfalls ein Chairman. Dieser hat das Recht, Anwesende zur Ruhe aufzufordern oder ausufernde Diskussionen zu beenden. Er entscheidet darüber, ob die Kinder ihre Sitzplätze tauschen oder zur Toilette gehen dürfen und achtet darauf, daß jeder, der sich meldet, zu Wort kommt.
Auffallend bei beiden Veranstaltungen ist die Ernsthaftigkeit und Strenge im Ablauf.
Die Anklagenden melden sich vor Beginn des Tribunals beim Sekretär, der die jeweiligen Personen der Reihe nach aufruft. Es werden Kläger, Angeklagte, mögliche Zeugen und auch eventuelle besondere Umstände berücksichtigt. Die Fälle werden diskutiert und anschließend wird per Mehrheitsbeschluß entschieden, ob der Beschuldigung zugestimmt wird und welches die Konsequenz daraus ist.
Die Urteile sind im allgemeinen recht nachsichtig, da sich jedes Kind schon einmal in der Rolle des Angeklagten befand und dessen Position dadurch gut nachempfinden kann. Die Diskussionen werden sachlich und rational geführt und nicht moralisch oder psychologisch. Mögliche Motive für Fehlverhalten werden nicht vor der Öffentlichkeit geführt, so daß sich der Angeklagte nicht abgewertet fühlt (Vgl. Appleton (1995), 37f.). Es werden auch keine Strafen im moralischen Sinne verteilt, sondern 'Fines', also Ersatzhandlungen. Die Gefahr der sozialen Mißbilligung besteht natürlich trotzdem, wodurch immer die Möglichkeit besteht, daß die Kinder sich an die Gesetze halten, um weiterhin ein Teil der Gemeinschaft zu bleiben.
Die Strafen bestehen meist in Form von Geldzahlungen, Pudding-Entzug oder gemeinnützigen Arbeiten wie z. B. Gartenarbeit. Gegen sie kann zu Beginn des nächsten Meetings Berufung eingelegt werden, da die Urteile gelegentlich durch hitzige Diskussionen als unangemessen empfunden werden. Sie werden dann meistens in nachhinein milder ausgesprochen (Vgl. Appleton (1995), 39).
Im Fall von ungeklärten Diebstählen oder ähnlichem wird darüber abgestimmt, ob die Gemeinschaft den Verlust ausgleicht.
Zu bestimmten Anlässen können jederzeit zusätzliche Sondermeetings ('Special Meeting') einberufen werden, z. B. wenn es in der letzten Woche so viele Gesetzesverstöße gab, daß eine Sitzung nicht ausreichte, um alle zu behandeln oder wenn auffällige Kinder die Gemeinschaft immer wieder stören. Wirkliche Problemfälle wurden zu Neills Zeiten nicht vom Tribunal behandelt, sondern an ihn übergeben, der mit dem jeweiligen Kind in einer PL (s. Kapitel 3.4.) sprach (Vgl. Schmidt-Herrmann 1987, 164). In diesen Sitzungen erfuhr er häufig sehr persönliche Dinge über das Kind, die er jedoch vor den anderen geheim hielt. Durch dieses Wissen entstanden manchmal Widersprüche zum Tribunal, da er Informationen, die die Lösung des Falls erleichtern konnten, zurückhalten mußte. Neill hielt sich folglich so weit wie möglich aus den Angelegenheiten des Tribunals heraus, um eventuelle Differenzen für ihn als Mitglied der Gemeinschaft einerseits und als Therapeut eines Kindes andererseits zu vermeiden (Vgl. Schmidt-Herrmann 1987, 180).
Abends kontrollieren sie, ob alle Kinder in ihren Zimmern sind und sorgen dafür, daß allgemeine Ruhe herrscht. Wenn es zu laut ist, gehen die Kinder zu einem Officer, der dann das Recht hat, eine Strafe zu verhängen.
Die Bettzeiten wechseln sehr häufig und werden gelegentlich ganz abgeschafft. Durch die dadurch legitimierten Nachtunruhen bestehen die Kinder in der Regel sehr schnell auf die Wiedereinführung der Zeiten, um schlafen zu können.
Die wichtigste Veranstaltung, die Feier am Ende jedes Terms wird von dem 'the end of term bar committee' geplant und durchgeführt. Dafür wird die Halle im Hauptgebäude nach einem bestimmten, geheimgehaltenen Motto dekoriert. Es wird viel getanzt und am Ende des Schuljahres werden die ältesten Schüler verabschiedet (Vgl. Appleton (1995), 28).
Die Teilnahme am Unterricht in Summerhill ist für die Schüler freiwillig, da es sich hierbei um eine für Kinder unnatürliche und hemmende Situation handelt. Es gibt weder Zensuren noch Prüfungen oder Zeugnisse. Neill war es wichtiger, daß die Emotionen des Kindes sich frei entfalten. Der Intellekt würde sich von allein entwickeln (Vgl. Neill 1969, 110). Intellekt und Emotion werden in Summerhill nicht voneinander getrennt. Kinder können sich nicht auf eine bestimmte Sache konzentrieren, wenn ihnen andere Gedanken im Kopf herumirren. Bei der Entwicklung des Intellekts ist außerdem zu beachten, daß Schulwissen und Intelligenz nicht gleichgesetzt werden dürfen. Vor diesem Hintergrund wird in Summerhill mehr Wert auf Kreativität als auf Wissen gelegt, da durch diese Gefühle künstlerisch ausgedrückt werden (Vgl. Kamp 1997a, 79).
Neill hatte durch seine eigene Schulzeit und sein Studium eine große Abneigung gegen Unterricht und speziell gegen Bücher entwickelt. Er ermutigte die Kinder ständig, vom Unterricht fernzubleiben und wurde deshalb stark sowohl von den Lehrern als auch von einigen Schülern kritisiert (s. Kapitel 9.3.). Neill wollte um jeden Preis verhindern, daß die Kinder für die Lehrer statt sich selbst lernen könnten. Der Eigenantrieb des Lernens ist entscheidend. Deshalb war Neill auch ein großer Gegner von Motivationstechniken, weshalb der Unterricht recht traditionell durchgeführt wird. Neill war davon überzeugt, daß dieser Eigenantrieb vorhanden ist. Er ging davon aus, daß der Mensch von Natur aus neugierig ist und sein Leben lang lernwillig ist. Somit gibt es auch keine faulen Kinder, sie interessieren sich nur für andere Dinge (Vgl. Kamp 1995, 326).
Trotz oder gerade wegen der Freiwilligkeit des Unterrichts gehen die meisten Kinder regelmäßig zum Unterricht. Während der Anfangszeit in Summerhill gehen viele Schüler gar nicht zum Unterricht, so lange bis ihr Schulhass abgeklungen ist. Diese Erholungszeit dauert etwa 3 Monate (Vgl. Kamp 1997a, 73). Die Kinder gehen dann zum Unterricht, weil sie sich langweilen, da niemand ihnen sagt, was sie stattdessen machen sollen (Vgl. Readhead 1995, 47).
Es sind nur einzelne Schüler, die länger, sogar jahrelang, nicht am Unterricht teilnehmen. Für Neill bestand dadurch dennoch kein Grund zur Sorge über die Zukunft des Schülers, da sich Schulwissen bei Bedarf durch eigenen Antrieb schnell aneignen läßt. Die Schäden, die durch eine erzwungene Schulbildung entstehen, sind jedoch nur sehr schwer wieder abzubauen. Wenn ein Kind etwas lernen will, ist seine Motivation extrem hoch und das Wissen kann während extrem kurzer Zeit gelernt werden. So war es ehemaligen Schülern z. B. möglich, zu studieren, obwohl sie beim Verlassen Summerhills weder Lesen, noch Schreiben konnten (Vgl. Kamp 1997a, 73). Kinder lernen in Summerhill, wie man lernt. Johannes-M. Kamp weist darauf hin, daß Lernen und der Besuch von Unterrichtsstunden nicht gleichgesetzt werden dürfen (Vgl. Kamp 1997a, 73). Lernen findet auch außerhalb des Unterrichts statt und der Stundenplan hat keinerlei Einfluß auf die tatsächlichen Tätigkeiten während dieser Zeit. Viele Kinder gehen nicht nur wegen des angebotenen Fachs zum Unterricht, sondern auch wegen des Lehrers. Die meisten älteren Kinder gehen erst regelmäßig zum Unterricht, wenn sie die Notwendigkeit von gewissen Qualifikationen und Fertigkeiten für ihr späteres Leben sehen. Die jüngeren Kinder gehen im allgemeinen gern zur Schule. Sie waren nicht lange genug in einer staatlichen Schule, um einen langanhaltenden Schulhass zu entwickeln. Ihr Unterricht hat aber wenig mit dem von gewöhnlichen Grundschulen zu tun.
Wenn ein Schüler den Unterricht häufig stört, z. B. indem er durch seine unregelmäßige Teilnahme die anderen durch seine Fragen stört, können diese beschließen, ihn nicht mehr am Unterricht teilnehmen zu lassen. Somit hat der Lehrer keine Schwierigkeiten mit der Disziplin der Kinder, denn die anwesenden Kinder wollen lernen und da der Lehrer keine Autoritätsperson ist, fällt es auch nicht in seinen Aufgabenbereich, gegen mögliche Störungen anzugehen. Für David Stephens bedeutet die freiwillige Teilnahme am Unterricht deshalb eine enorme Erleichterung für Schüler und Lehrer (Vgl. Stephens 1997, 26). Die Kinder kommen und geben ihr Bestes, so daß es in Summerhill eigentlich auch nur gute Schüler gibt (Vgl. Hammelmann 1993, 12).
Die Schülerschaft wechselt häufig. Dafür sieht Matthew Appleton verschiedene Gründe. Für viele bedeutet Summerhill die letzte Möglichkeit zur Besserung und wenn diese eingetreten ist, werden sie von ihren Eltern wieder in eine Regelschule geschickt. Andere Kinder sind in Summerhill, weil ihre Eltern ihr Leiden in Regelschulen mit dem Verstand wahrgenommen haben, aber leider nicht mit genügend Gefühl. Wieder andere Schüler können nicht lange in Summerhill bleiben, weil das Schulgeld für ihre Familien zu teuer ist (Vgl. Appleton 1997, 34).
Der häufige Schülerwechsel stellt für Summerhill ein finanzielles Problem dar. Zusätzlich erschwert es die Selbstverwaltung (s. o.). Aus demselben Grund werden in der Regel keine Schüler über 12 Jahre aufgenommen. Neill wünschte sich das Alter der Kinder so niedrig wie möglich, damit die Kinder so unbeeinflußt wie möglich waren, sah aber durch seine eigene Tochter, daß kleine Kinder ihre Eltern brauchen und setzte somit das Mindestalter auf sechs Jahre herauf (Vgl. Kamp 1995, 424).
Die 10-13-jährigen heißen 'House'. Auch sie werden von einem Houseparent betreut. Neill bezeichnete dieses Alter häufig als 'Gangster-Stadium', weil besonders die Jungen sich in dieser Zeit antisozial verhalten, viel fluchen und die Gemeinschaft tyrannisieren (Vgl. Kamp 1995, 423). Bei den meisten Kinder brechen in diesem Alter ihren alten Verhaltensweisen heraus und sie laufen mit Schwertern und Gewehren bewaffnet durch das Haus und erschrecken die anderen Kinder der Gemeinschaft. Trotz diesem für die Gemeinschaft anstrengenden Verhalten der "Gangster" sind sie bei den anderen Kindern beliebt. Ihre Vergehen werden vor das Tribunal gebracht und es wird darüber verhandelt, aber sie werden nicht als moralisch schlechte oder böse Kinder bezeichnet (Vgl. Appleton (1995), 13, 44).
Die Leistungen der jüngeren Kinder sind im Durchschnitt schlechter als die von gleichaltrigen Kindern in staatlichen Schulen. Dabei muß u. a. berücksichtigt werden, daß der Unterricht nicht in der Muttersprache de meisten Kinder stattfindet - sofern sie diesen besuchen. Es gibt besonders für jüngere Kinder wichtigeres als zum Unterricht zu gehen, z. B. zu spielen, denn "Kindheit ist Spielzeit" (Neill 1969, 79).
Hinsichtlich der Selbstverwaltung sind die jüngeren Kinder noch nicht genügend gemeinschaftsfähig und pflichtbewußt. Sie müssen erst durch die Meetings und am Beispiel der Älteren lernen, zu diskutieren und zu argumentieren und dadurch ein Gemeinschaftsleben möglich zu machen. Sie müssen noch lernen, sich in andere hineinzuversetzten und deren Persönlichkeit zu achten. Diese Fähigkeit der Selbstdisziplin beginnt erst mit der Pubertät sich zu entwickeln (Vgl. Neill 1969, 255).
Die älteren Schüler übernehmen die im allgemeinen Ämter und sind die eigentlichen Träger der Selbstverwaltung. Aus ihrer Altersklasse geht meistens der Chairman, die Fines- und Beddies-Officer, Ombudsmen und die Komiteeleiter hervor. Sie geben die Traditionen an die jüngeren Schüler weiter und helfen somit bei deren Sozialisation und der Aufrechterhaltung der Gemeinschaft. Dadurch werden sie von den Kleineren häufig sehr bewundert und es entstehen engere emotionale Bindungen als an die Lehrer (Vgl. Appleton 1997, 37ff.). Die Älteren zeigen ein großes Maß an sozialer Verantwortlichkeit. Durch ihr hohes Engagement im Schulalltag haben die Jugendlichen weniger Zeit für ihre Abschlußprüfungen zu lernen, so daß sie den staatlich erwünschten Standard vielleicht erst ein oder zwei Jahre später erreichen (Vgl. Hammelmann 1993, 16). Viele Schüler holen ihre Abschlüsse später an anderen Institutionen nach.
Summerhill ist ein guter Ort, an dem verhaltensauffällige Kinder sich zu sozialen Wesen entwickeln können. Auch schwierige Kinder wollen von ihren Bezugspersonen anerkannt und akzeptiert werden und passen sich aus diesem Wunsch heraus früher oder später dem Umfeld an (Vgl. Schmidt-Herrmann 1987, 77). Jedoch dürfen nicht zu viele zur gleichen Zeit an der Schule sein, da sie die Gemeinschaft sehr beanspruchen. Deswegen werden 'Problemfälle' nur als Ausnahme aufgenommen und häufig auch nur unter der Bedingung, daß sie wieder gehen, wenn sie zu große Konflikte innerhalb der Selbstverwaltung hervorrufen (Vgl. Appleton (1995), 45).
Kinder aus schwierigen Verhältnissen bekommen viele Chancen, bevor sie die Schule endgültig verlassen müssen. Sie geben oft den Anlaß für ein Special Meeting. In der Regel bekommen sie eine Probezeit, in der sie die Möglichkeit bekommen, sich zu bessern, andernfalls müssen sie gehen. Der sofortige Ausschluß aus der Schule geschieht nur, wenn das Kind die Sicherheit der anderen ernsthaft gefährdet (Vgl. Readhead 1995, 56). Man würde kein Kind aufgrund seiner Charaktereigenschaften von der Schule verweisen (Vgl. Appleton, (1995), 45).
In vielen Fällen wird das antisoziale Verhalten von Kindern als Bedürfnis nach Aufmerksamkeit bewertet. Um diesem Wunsch gerecht zu werden, kann es vorkommen, daß die Kinder beschließen, einen "Tag der Aufmerksamkeit" (Stephens 1997, 24) zu veranstalten oder einen Störenfried zum "King/Queen of Summerhill" zu machen (Film 'Summerhill heute', 1981).
Vorübergehende Schwierigkeiten treten immer wieder mit vielen neuen Schüler auf. Anfangs sind sie schüchtern, bescheiden, höflich und nett. Diese Verhaltensweisen sind jedoch nur scheinbar ehrlich. Die Kinder haben die Falschheit der Gesellschaft übernommen, um akzeptiert zu werden. Wenn sie dann nach Summerhill kommen, wird ihnen eine bisher ungewohnte Freiheit und Akzeptanz geboten. Zu Beginn verhalten sich die neuen Schüler wie sie es von zu Hause gewohnt sind und gehen auch zum Unterricht. Nach einer kurzen Zeit kehrt sich ihr Verhalten jedoch völlig um. Ihre Höflichkeit weicht einem permanenten Fluchen und einer Unfreundlichkeit. Statt der gewohnten Ordnung und Sauberkeit geben sie sich völlig dem Chaos hin und stellen für die Gemeinschaft einen vorübergehenden Störfaktor dar. Sie brechen alle bisher geltenden Normen und verarbeiten die bisher unterdrückten Gefühle. Erst danach sind sie bereit für die Freiheit Summerhills (Vgl. Appleton (1995), 44).
Die Entscheidung über das Einstellen und Entlassen des Personals wird allein von der Schulleitung getroffen, jedoch können Schüler und Lehrer ihre Meinung über Neuanwärter vertreten. Die meisten Kinder interessieren sich allerdings nicht für die organisatorischen Angelegenheiten der Schule.
Neill war nicht an der beruflichen Ausbildung oder den Methoden seines Personals interessiert. Er bestätigt dies durch Äußerungen wie "Ich glaube, daß man zum Lehrer geboren sein muß und daß sonst alle Ausbildung an allen Hochschulen keinen guten Lehrer aus einem macht" oder "Das Lehren ist eine Kunst, keine Wissenschaft" (Neill 1982, 205, 188). Sein Hauptkriterium lag in der Übereinstimmung mit seinen Grundsätzen und daß sie keine Sonderstellung durch ihr Alter gegenüber den Kindern erwarteten (Vgl. Kamp 1997a, 74). Tatsächlich wurden sogar viele Freunde Neills oder einstige Besucher dort Lehrer, wodurch es zeitweise zu Schwierigkeiten kam und Neill häufig nicht in der Lage war, den Lehrern zu kündigen (Vgl. Kamp 1995, 415).
Das Personal hat seine eigenen Meetings. Dort werden über Themen wie Sicherheit der Schüler, Schulinspektionen oder über besonders schwierige Kinder gesprochen. Die Erzieher sind entscheidend für das Funktionieren der Schule. Durch ihre scheinbare Untätigkeit schaffen und erhalten sie die Struktur, die die Selbstverwaltung erst ermöglicht. Darüber hinaus sind sie für die Befriedigung der Bedürfnisse der Kinder zuständig. Es fällt jedoch nicht in ihren Tätigkeitsbereich, für das Einhalten der Regeln zu sorgen. Das ist die Aufgabe der Gemeinschaft. Die Aufgabe der Erzieher ist nicht wie an traditionellen Schulen zu belehren, sondern für Herausforderungen zu sorgen, die neue Lernsituationen schaffen.
Ihre Haupttätigkeit besteht jedoch darin, die Kinder ohne Vorbehalte oder Vorurteile zu verstehen und zu akzeptieren (Vgl. Kamp 1997a, 128ff.).
Das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern ist sehr gut, da keine Hierarchie zwischen ihnen besteht und dadurch kein Minderwertigkeitsgefühl beim Kind entstehen kann. Sie unterscheiden sich nur im Grad ihres Wissens und ihrer Erfahrungen und den gilt es durch den Unterricht und das Leben in der Gemeinschaft zu vermindern (Vgl. Schmidt-Herrmann 1987, 107). Wenn also ein Erwachsener in das Verhalten der Kinder eingreift, dann macht er dieses "...nicht als Erwachsener mit großen 'E', sondern als fürsorgliches Mitglied der Gemeinschaft, das nur zufällig ein Erwachsener ist" (Appleton (1995), 35). Diese Zurückhaltung ist oftmals schwer.
In Summerhill wechselt das Personal relativ häufig. Dieses hat viele Gründe, es liegt z. B. daran, daß Lehrer in Summerhill wenig Privatleben besitzen, daß sie weniger Geld als im Staatsdienst verdienen und sie dadurch nicht unbedingt eine Familie ernähren können, daß dort keine Karriere möglich ist oder daß es zu Schwierigkeiten mit der Umsetzung der Prinzipien kommt (Vgl. Appleton 1997, 34f.). Zudem muß man auch ein wirklich guter Lehrer sein - andernfalls kommen die Kinder nicht mehr zum Unterricht und können die mangelnde Unterrichtsqualität sogar in dem Meeting vorbringen und eine Verbesserung verlangen (Vgl. Neill 1982, 182). Viele der Lehrer kehren nach ihrer Tätigkeit in Summerhill nicht wieder ins staatliche Schulsystem zurück, sondern suchen sich andere Beschäftigungen.
Der relativ schnelle Wechsel des Personals ist nicht besonders vorteilhaft für die Schule, da diese etwa zwei Jahre brauchen, um sich einzuarbeiten und um wirklich die Besonderheiten Summerhills leben und berücksichtigen zu können. Deswegen sollten nicht zu viele neue Lehrer zur gleichen Zeit in Summerhill unterrichten (Vgl. Readhead 1995, 51).
Das einzige, was von den Eltern verlangt wird, ist, daß sie nicht gegen die Schule arbeiten. Das Umsetzen dieses Vorhabens stellt sich in der Praxis jedoch als nicht besonders einfach heraus. Viele Eltern greifen ein, wenn sie etwas stört. Es ist jedoch schwer für ein Kind in Summerhill zu leben, wenn ihre Eltern die Prinzipien der Schule nicht unterstützen oder gar Kritik an ihnen äußern. Es verwirrt die Kinder und gewisse Äußerungen, wie z. B., daß die Eltern sich sehr über den Unterrichtsbesuch ihres Kindes freuen würden, lassen Schuldgefühle entstehen, da das Kind es gewohnt ist, selbst zu entscheiden, ob es am Unterricht teilnimmt (Vgl. Appleton (1995), 47). Viele Eltern sind besorgt um den Leistungsstand ihrer Kinder, wenn sie erfahren, daß ihr Kind nicht zum Unterricht geht und weder Lesen, noch Schreiben kann. Über solche und andere Bedenken können die Eltern jederzeit mit der derzeitigen Schulleiterin Zoë Readhead sprechen.
Die Sorgen um den Leistungsstand der eigenen Kinder treten auch bei Lehrern auf, die dort leben und ihre Kinder dort haben und selbst Neill machte sich insgeheim Sorgen um den Bildungsstand seiner Tochter (Vgl. Kamp 1995, 422).
Dennoch unterstützt Summerhill die Eltern-Kind-Beziehung. Speziell bei neuen und jüngeren Kindern sind häufige Besuche und Briefe oder Telefonate der Familie wichtig. Ansonsten gibt es in jedem Term zwei Besuchswochenenden, die 'Parents` Weekends' (Vgl. Summerhill School 1994, 37).
Der Unterricht in Summerhill ist freiwillig. Die meisten Kinder gehen jedoch regelmäßig zum Unterricht und viele von ihnen besuchen anschließend Colleges oder andere Institutionen zur Weiterbildung.
Der Umgang mit den Eltern kann zu Konflikten
bei den Kindern führen, wenn diese Summerhills Prinzipien nicht unterstützen.
Dennoch wird der enge Kontakt zu den Kindern sehr begrüßt.
Dieses Kapitel soll zeigen, daß und wie sich Summerhill nach dem Tod Neills 1973 weiterentwickelt hat und daß Summerhill ist mehr als ein Experiment ist, das auch unabhängig von seiner Gründerperson weiter existiert.
Dieses Kapitel verweist neben den Schulleitern auch auf die heutigen Schüler Summerhills.
Speziell mit Neills Tod ist für viele auch die Schule Summerhill nicht mehr vorhanden. Summerhill und Neill wurden gleichgesetzt. Keines ist von dem anderen zu trennen. So kam es, daß mit seinem Tod und dem Ende der Studentenbewegung auch Summerhill in Vergessenheit geriet.
Wie anderen bekannten Schulleitern wurde auch Neill wundersame erzieherische Fähigkeiten und ein besonderes Genie nachgesagt (Vgl. Kamp 1997a, 133).
Neill selbst war schon lange vor seinem Tod mit der Sorge um einen geeigneten Nachfolger beschäftigt. Es ging ihm hauptsächlich darum, seine Prinzipien weiter zu verfolgen und keine Abweichungen oder Kompromisse vorzunehmen. Er war immer gegen Veränderungen seiner Prinzipien, weswegen es gelegentlich zu Differenzen zwischen ihm und seinem Personal kam (Vgl. Kamp 1995, 414). Summerhill sollte entweder wie bisher weitergeführt werden oder schließen (Vgl. Kamp 1995, 436f). Die Befürchtung der Schließung war schon seit längerer Zeit berechtigt und verstärkte Neills Sorgen um Summerhills Zukunft (s. Kapitel 8). Als Nachfolger standen mehrere Personen zur Auswahl, u. a. auch Neills Tochter Zoë, die zu diesem Zeitpunkt jedoch kein Interesse an dieser Tätigkeit zeigte.
Ena begann ihre Arbeit in Summerhill mit dem Umzug der Schule nach Wales im Jahre 1939. Ihr Sohn Peter lebte in Summerhill und Neill bot ihr eine Beschäftigung als Köchin an. Zu dieser Zeit hatte sie sich bereits von ihrem ersten Mann Bill Wood getrennt und gerade ihre Arbeitsstelle in London verloren. Ihre vielseitigen Fähigkeiten wurden schnell entdeckt und so kümmerte sie sich im Laufe der Zeit um immer mehr Tätigkeiten, speziell als der Zustand von Neills erster Frau sich zunehmend verschlechterte.
In den sechziger Jahren übernahm sie die praktische Leitung Summerhills. Sie bearbeitete alle Bereiche der Schule: Sie betreute sowohl das Personal, als auch die Kinder, organisierte Tanzabende und kümmerte sich um die finanziellen Belange.
Ihr Engagement wurde von der Öffentlichkeit jedoch kaum oder gar nicht beachtet. Sie besaß einen starken Charakter und war für ihre beharrliche Arbeit einerseits und ihre ausgeprägte Mütterlichkeit andererseits bekannt. Ena Neill veränderte die Prinzipien ihres Mannes nicht. Sie leitete Summerhill nach wie vor nach den gleichen Grundsätzen und wurde dabei von ihrem Sohn Peter aus erster Ehe unterstützt, der bereits 1978 starb (Vgl. Kamp 1995, 437).
Ena hatte zunächst die Schließung der Schule aufgrund größter finanzieller Schwierigkeiten zu befürchten, die jedoch durch Neills Testament gelöst wurden (Vgl. Kamp 1995, 437). Sie war 12 Jahre lang offizielle Schulleiterin und auch nach 1985 hielt sie engen Kontakt zur Schule und verteilte weiterhin samstags das Taschengeld an die Kinder ('poc'). Sie wohnte weiterhin auf dem Schulgelände und starb 1997 im Alter von 87 Jahren.
Zoë wurde am 2. November 1946 in Summerhill geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend dort. Ihr Aufwachsen wurde sowohl von Neill als auch von der Öffentlichkeit als Ausnahmeerscheinung eines absolut freien Kindes von Geburt an dokumentiert.
Zoë war sich während ihrer Kindheit ihrer außergewöhnlichen Lebensumstände nicht bewußt. Erst als Jugendliche begann sie, Neills Bücher zu lesen (Vgl. Readhead in FOST 1994, 4).
Zoë ist seit September 1971 mit dem örtlichen Farmer Tony Readhead verheiratet und lebt mit ihm und ihrer Familie außerhalb des Schulgeländes auf einer Farm. Ursprünglich wollte sie nicht Schulleiterin werden. Sie ist gelernte Reitlehrerin und hat vor ihrer Hochzeit sechs Monate an der 'Lewis Wadham Free School' in New York State gearbeitet (Vgl. Readhead 1995, 43). Als sie 1985 dennoch die Schulleitung übernahm, hatte sie nur eine feste Vorstellung von ihrer neuen Tätigkeit: "...the essential philosophy and character of the school had to remain." (Readhead in FOST 1) "...his [Neill`s] way was the only way I knew and seemed to make perfect sense" (Readhead in Times 5.04.1992, 2).
Der einzig wirkliche Unterschied besteht in der Unterrichtsversorgung, die sogar von ehemaligen Schülern kritisiert wurde (s. Kapitel 9.3.).
Zoë stellt bis heute nur Lehrer mit entsprechender Ausbildung ein. Zusätzlich erhöhte sie die Schulgelder und Gehälter des Personals um etwa 50% mit der Begründung, daß Summerhill dadurch möglichst die besten Lehrer und Ausstattungen finanzieren kann (Vgl. Kamp 1995, 438; Readhead in FOST 1988). Sie selbst wird für ihre Arbeit nicht bezahlt.
Neill setzte sich immer für möglichst niedrige Kosten ein, aber inzwischen haben sich die Lebensumstände verändert und die Lehrer verdienen es, angemessen bezahlt zu werden. Sowohl das Gehalt des Personals als auch die Kosten der Eltern sind im Vergleich zu denen anderer Einrichtungen niedrig.
Die finanzielle Situation ist trotz des erhöhten Schulgeldes schlecht. Trotz der anhaltenden öffentlichen Diskussion um die Erhaltung oder Schließung der Schule sind die Schülerzahlen mit 55-60 Schüler relativ niedrig, wodurch Schulgelder fehlen bzw. auf die Eltern umgelegt werden müssen. Ein Term dauert 11 Wochen und kostet zwischen 5049 und 6897 Pfund, je nach Alter und Geschwisterzahl des Kindes (Vgl. Kamp 1995, S. 438). Es gibt zur Zeit keine Warteliste und aufgrund der finanziellen Situation kann die Schule nicht wählerisch in der Aufnahme neuer Kinder sein.
Andere Veränderungen bestehen in der Einrichtung der Gebäude. Neill legte keinen Wert auf schöne Möbel oder eine schicke Dekoration der Kinder- und Klassenzimmer, da Kinder kein Gefühl von Eigentum haben und die Einrichtung zweckmäßig sein sollte (Vgl. Neill 1969, 144). Die teuren Möbel würden nur dem Spiel der Kinder zum Opfer fallen. Zusätzlich herrschte ständiger Geldmangel, so daß am Inventar gespart wurde. Inzwischen wurden jedoch neue Möbel angeschafft, da die Inspektoren die alten bemängelten (Vgl. Appleton (1995), 68). Seit Neills Tod wurde Summerhill häufig inspiziert, auf die Konsequenzen wird in Kapitel 8 ausführlich eingegangen.
Seit Sommer 1998 gibt es keine Unterrichtsstunden mehr am Nachmittag, stattdessen werden verschiedener Aktivitäten (s. Anhang III) wie das Erstellen einer Schulzeitung, Gartenarbeit oder Yoga angeboten - alles Aktivitäten, die nichts mit akademischen Lernen zu tun haben (Vgl. www.s-hill.demon.co.uk). Das Nachmittagsangebot wurde im letzten Term nicht gut besucht, so daß wieder über die Einführung der ursprünglichen Unterrichtsstunden diskutiert wird.
Heute kümmert sich Zoë mit ihrem Mann Tony und einer Sekretärin um die Verwaltung und hält sich aus dem alltäglichen Leben der Kinder heraus.
Im Gegensatz zu ihrem Vater werden ihr keine besonderen Fähigkeiten im Umgang mit Kindern nachgesagt. Allerdings hat sie auch eine bemerkenswerte Intuition. Sie erteilt überhaupt keine PLs (s. Kapitel 3.4.), nimmt aber gelegentlich ein auffälliges Kind zu einem Gespräch zur Seite (Vgl. Appleton (1995), 78).
Zoë und Tony haben vier gemeinsame Kinder, die alle frei erzogen wurden und ebenfalls in Summerhill zur Schule gingen. Ihr jüngster Sohn Neill arbeitet heute ebenfalls als Lehrer dort.
Es gibt keine Unterschiede zwischen den Kindern, die auf ihre Nationalität zurückzuführen werden können.
Seit einigen Jahren sind etwa ein Drittel der Schüler aus Japan. Summerhill ist dort durch
Übersetzen einiger Neills Büchern von Seishi Shimoda relativ bekannt geworden (Vgl. Kamp 1995, 445). Zudem sind viele Eltern besorgt um ihre Kinder, da das japanische Schulsystem sehr streng ist. Die japanischen Schüler fallen deshalb durch ihre andere Kultur am ehesten auf. Sie besitzen eine gewisse Introvertiertheit, wenn sie neu nach Summerhill kommen. Es dauert lange, bis sie sich aktiv an den Meetings beteiligen oder einen eigenen Standpunkt vertreten. Deshalb werden pro Jahr auch nur ein oder zwei japanische Schüler aufgenommen (Vgl. Appleton (1995), 91ff.).
Die Folge war eine erneute Inspektion, negative Schlagzeiten über die Grenzen Groß Britaniens hinaus, eine aufgebrachte Bevölkerung und eine völlige Infragestellung der Prinzipien Summerhills und der Kompetenzen ihrer Vertreter.
Die Richtigkeit oder Umstände des Entstehens des Films werden daraufhin versucht, in den Zeitungen und eigenen Darstellungen geklärt zu werden.
1994 sendete der deutsche Privatsender SAT 1 einen Vergleich Summerhills mit der Erziehung der Thomaner Chorknaben aus Leipzig, weil beide Einrichtungen Extrempositionen darstellen und ihre weitere Existenz bedroht ist. Die auffallend kürzere Darstellung Summerhills ist mit der Channel 4-Produktion durchaus vergleichbar. Anlaß des Vergleichs war das Ergebnis der damaligen Inspektion, die Summerhill ein katastrophales Unterrichtsniveau und die Verwahrlosung der Kinder vorwarf (s. Kapitel 8.2.). Der Film zeigt ebenfalls ein sarkastisches Theaterstück. Dieses stellt eine traditionelle Unterrichtstunde dar, in der die Kinder ihrem entsetzten Lehrer erklären, was Oralsex ist und wie dieser zu praktizieren ist. Es werden zudem bewaffnete Kinder gezeigt und Summerhill als "Kinderparadies mit Plastikpistolen" bezeichnet mit dem Zusatz "Kritiker nennen es Anarchie, Selbstbestimmung nennt es Summerhill".
Ein anderer Bericht entstand 1970 in Kanada. Dieser soll Summerhill als Vorbild für andere Schulen und speziell für die zwei in Kanada nach Summerhill gegründeten Schulen darstellen. Es handelt sich hierbei also um eine sehr positive Darstellung. In diesem Film sprechen Neill, Ena und einige Schüler über Summerhill. Es findet keine Dokumentation durch einen Reporter statt. Wie in den anderen Filmen auch werden der freiwillige Unterricht, die Meetings, Schlafenszeiten, Erfahrungen an staatlichen Schulen und alle anderen wichtigen Bereiche thematisiert. Die Schüler sagen, daß sie in Summerhill glücklich sind.
In Juliane Schuhlers Dokumentation "Summerhill heute ó Das Ende einer Hoffnung?" von 1981 werden zwei weitere Schwerpunkte gesetzt. Der erste behandelt das verhaltensauffällige Kind Clare und die Frage, wie in Summerhill mit Problemkindern umgegangen wird. Den zweiten Schwerpunkt bilden die älteren Schüler und der Übergang in die Gesellschaft. Die Frage, ob sich Summerhill-Schüler in der Außenwelt behaupten können, wird auch nach Enas Äußerung über einen problemlosen Wechsel von der Reporterin nicht beantwortet. Ebenso erscheinen die dargestellten Belange der Kinder als nicht wirklich nachvollziehbar. So wird z. B. bei der Darstellung der Ausgangsregeln nicht deutlich, daß diese auf Erfahrungen beruhen und der Sicherheit speziell der kleineren Kinder dienen. Positiv für die Meinungsbildung der Zuschauer ist jedoch, daß zusätzlich ein Vater und ein Houseparent über Summerhill befragt werden und das Meeting und die Funktionen von Ombudsmen, Chairman, Sekretär und Komitees aufgezeigt wird. Doch trotz zahlreicher zutreffender Zusatzinformationen erscheint Summerhill als ein Ort für verhaltensauffällige Kinder, über deren Lebensweg nach der Schule keine Aussagen getroffen werden können.
In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre entstand "Being happy is what matters most", in dem erstmals Zoë als Schulleiterin in Erscheinung tritt. Es wird aus vielen Perspektiven berichtet, aber das Thema, das sich wie ein roter Faden durch den Film zieht, ist die Sexualität. Es werden unbekleidete Schüler am Swimmingpool gezeigt und die älteren Schüler werden über ihre Erfahrungen und Einstellungen zum Thema Sex befragt. In diesem Film tauchen auch Flüche und vulgäre Ausdrücke der Kinder auf. Zusätzlich wird über Alkohol und die Abschaffung aller Gesetze gesprochen. Neills Grundsätze, seine Prinzipien, die Meetings, die Gleichheit und andere wichtige Themen werden nicht oder nur am Rande erwähnt, so daß es einem Zuschauer ohne Vorwissen nicht ermöglicht wird, sich eine objektive Meinung zu bilden.
1997 erschien der Film "The Children of Summerhill" von Bernard Kleindienst, der in England und Frankreich entstand. Er besteht aus Gesprächen mit 14 ehemaligen Summerhill-Schülern aller Altersstufen, die über ihre Schulzeit und ihr Urteil über Summerhill sprechen. Unter ihnen befindet sich u. a.