Diss: Axel Kühn: Alexander Neill
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   & The Booming of Bunkie 1919

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& A Dominie Dismissed 1917

In einer dieser "Evening classes" lernte Neill die sechzehnjährige Jessie Irving kennen, mit der er sich verlobte. Die Verlobung wurde später auf Betreiben der Mutter wieder gelöst. Trotzdem setzte Neill seiner damaligen Verlobten in dem 1917 erschienenen zweiten Buch [vgl. NEILL 1972, S.122] A Dominie Dismissed in der Figur der Margaret ein Denkmal. Bezeichnenderweise wählte er den Namen Margaret - Margaret Ritchie war in der Schule in Newport 1906 seine erste große Liebe gewesen. Das Nachfolgebuch zu A Dominie's Log, das sich bald als Verkaufsschlager erwies [vgl. CROALL 1983b, S.97], schilderte die weitere Geschichte des Dorflehrers. Er wird aufgrund seiner unkonventionellen Unterrichtsmethoden entlassen, kommt aufgrund eines Lungenleidens nicht zum Militär und kehrt in die Ortschaft zurück, in der sein Nachfolger an der Schule einen rigiden Unterrichtsstil betreibt. Mit diesem führt der Dominie lange Gespräche, in denen deutlich wird, daß die Kinder - einmal selbstbestimmtes Lernen gewohnt - sich auf den herkömmlichen Unterrichtsstil nicht mehr einlassen und dem neuen Lehrer das Leben schwer machen. Parallel entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen dem Dominie und der zwanzigjährigen Margaret, die seinen Literaturkurs für junge Erwachsene besucht. Sie ist die Tochter einer Bauernfamilie, die in der Landwirtschaft ähnliche Prinzipien verfolgt wie der Dominie sie für die Kindererziehung propagiert. Anders als im wirklichen Leben heiratet der entlassene Dorfschullehrer schließlich seine Angebetete [vgl. hierzu auch THOMSON in: Manuskript o.J. (vermutlich 1979), S.1ff]. Neill versah das Buch mit der Widmung: "To the Original of Margaret" [NEILL 1917, S.474]. Als er es schrieb, lebte er bereits wieder in London und hatte zu Jessie Irving kaum mehr Kontakt.

Dieses zweite Buch wurde - ebenso wie A Dominie's Log - ein großer Verkaufserfolg. Der junge Autor hatte eine humoristische Schreibweise, und die Themen, über die er schrieb, stießen bei seinen Lesern auf großes Interesse. So war die Diskussion über die überkommenen Erziehungsmethoden an öffentlichen Schulen in vollem Gange und allenthalben etablierten sich Privatschulen, die unterschiedliche Reformkonzepte erprobten. Bevor Neill jedoch Erfahrungen im Reformschulsektor sammeln konnte, mußte er - anders als er es in A Dominie Dismissed schildert [7] - nun doch zum Militär.

Neill hatte sich als Freiwilliger gemeldet und mußte nun, am 2. März 1916, nach einer weiteren Musterung einrücken. Eigentlich wäre Neill gerne Kriegsdienstverweigerer gewesen, ihm fehlte jedoch die moralische Courage dazu [vgl. CROALL 1983b, S.77]. Bereits in der Studentenzeitschrift "The Student" hatte er sich 1912 über den Mut von Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern geäußert: "The coward is not only unconventional; he is imaginative." [NEILL in: The Student 23.02.1912, S.295] Ähnliche Formulierungen finden sich auch in A Dominie Dismissed, das hauptsächlich während seiner Militärzeit entstand [vgl. NEILL 1917, S.638]. Tatsächlich wurde Neill nicht an die Front abgerufen - er erkrankte während der Ausbildung, wurde schließlich ehrenhaft aus dem Militärdienst entlassen und zog sich zu einem längeren Erholungsaufenthalt nach Schottland zurück [vgl. CROALL 1983b, S.79f; vgl. auch NEILL 1972, S.138].

Bald begann Neill sich wieder Gedanken um eine Anstellung zu machen und bewarb sich darum bei dem amerikanischen Erzieher Homer Lane, um in der von diesem geleiteten Besserungsanstalt für jugendliche Verbrecher namens "Little Commonwealth" mitarbeiten zu können. Neill hatte von dieser Einrichtung durch eine Leserin seines Buches A Dominie's Log erfahren. Bei einem kurzen Besuch des Little Commonwealth noch während der Zeit seiner Militärausbildung hatte Neill Homer Lane kennengelernt und war Zeuge einer Heimversammlung geworden [vgl. NEILL 1917, S.520; vgl. auch NEILL in: Id-Magazine 05/1964 H.13, S.19; sowie CROALL 1983b, 81ff; und SKIDELSY 1969, S.114]. "That weekend was perhaps the most important milestone in my life. Lane sat up till the early morning telling me about his cases. I had been groping for some philosophy of education but had no knowledge of psychology." [NEILL in: Id-Magazine Okt./1960, S.3; vgl. auch NEILL 1972, S.170; sowie Vorwort Neills in: LANE 1928, S.5]

Homer Lane kam ursprünglich aus den Vereinigten Staaten, wo er sich durch die Leitung verschiedener Erziehungseinrichtungen einen Namen gemacht hatte. Anfangs hatte er als Handwerkslehrer schwedischen "Slöjd"-Unterricht erteilt. Slöjd bedeutet sinngemäß "Handfertigkeit" und bezieht sich auf die Arbeit mit natürlichen Werkstoffen wie Holz und Textilien. Auf diese Weise sollten die Kinder durch den Umgang mit dem Material Respekt vor handwerklichen Arbeitsweisen entwickeln [vgl. WILLS 1964, S.54f]. Die amerikanische "Sloyd"-Bewegung, der Lane entstammte, hatte sich zum Ziel gesetzt, die manuelle Arbeit im Gegensatz zum Schreibtischlernen zur Grundlage der Elementarerziehung zu machen [vgl. SKIDELSKY 1969, S.216].

Im Little Commonwealth wurde Lane von einer Gruppe interessierter Strafvollzugsreformer unter der Leitung des Earl of Sandwich die Möglichkeit gegeben, seine Experimente in eigener Regie durchzuführen [vgl. Wills 1964, S.129ff]. Die neu gegründete Erziehungseinrichtung befand sich auf einer Farm mit unterschiedlichen Gebäuden, die nach und nach von Kinder- und Jugendlichengruppen besiedelt wurden. Weitere Gebäude wurden von den Bürgern dieser "Republik" selbst gebaut[vgl. WILLS 1964, S.135]. Die Kinder und Jugendlichen waren entweder Waisen oder wurden von ihren Eltern, die nicht mit ihnen zurecht kamen, geschickt. Viele von ihnen hatten Bewährungsstrafen abzuleisten [vgl. KAMP 1986, S.271f]. Die älteren Kinder bestimmten das Geschick der Gemeinschaft in wöchentlichen Zusammenkünften [vgl. BAZELEY 1928, S.89]. Lane nannte diese Form der Selbstverwaltung "self-government" - Neill übernahm den Begriff von ihm. In diesen Versammlungen machten die Kinder und Jugendlichen ihre eigenen Gesetze und wählten Funktionäre wie Richter und Schatzmeister. Lanes therapeutische Maßnahmen hielten sich im Hintergrund dieses Grundmusters, griff er jedoch ein, geschah dies oft in Form psychoanalytisch motivierter "paradoxer Sanktionen". So "bestrafte" das self-government beispielsweise Gesetzesbrecher mit Urlaub, für dessen Kosten die Gemeinschaft aufkam [vgl. KAMP 1986, S.278], oder Lane forderte einen Jungen, der das ganze Geschirr zertrümmert hatte, auf, nun auch noch Lanes Uhr zu zerschlagen [vgl. NEILL 1921b, S.325ff; vgl. auch NEILL in: Anarchy 4(1964), H.39, S.145; sowie NEILL in: Lane 1928, S.6f; und WILLS 1964, S.140f]. Neill sollte später - in der Nachfolge Lanes - Kinder zum Einwerfen von Fensterscheiben ermutigen. Er hatte sich allerdings bereits, bevor er Lane kennenlernte, Gedanken über die Anwendung ähnlicher "paradoxer Strafen" gemacht [vgl. NEILL 1915, S.119; vgl. auch SKIDELSKY 1969, S.113].

Das Little Commonwealth bestand von 1913 bis 1918, als ein Skandal zu seiner Schließung führte[vgl. WILLS 1964, S.216ff; vgl. auch BAZELEY 1928, S.151ff]. "The Little Commonwealth was closed because an adolescent girl ran away after stealing. When cought by the police she made the excuse that Lane had assaulted her sexually. The Home Office sent down a learned K.C. to investigate; he found no evidence against Lane, but apparrently didn't like the free system, for the Home Office decided that they would withdraw its licence if the committee did not appoint another superintendent in Lane's stead. The committee, knowing that Lane would never assault any girl, chose rather to close down the Commonwealth" [NEILL 1949, S.131], schrieb Neill später über die Vorgänge, deren tatsächlicher Ablauf nie ans Tageslicht gelangte. Der Bericht der Untersuchungskommission wurde trotz mehrfacher Aufforderung durch David Wills, den Biographen Homer Lanes, nie veröffentlicht und ist - wie die Aufsichtsbehörde 1975 mitteilte - später vernichtet worden [vgl. CROALL 1983b, S.83]. Als Antwort auf Neills Bewerbung zur Mitarbeit im Little Commonwealth teilte Lane ihm mit, daß die Einrichtung geschlossen worden sei. "Enttäuscht dachte ich, daß ich nun das zweitbeste versuchen sollte. So schrieb ich an John Russell, bat ihn um eine Anstellung, bekam sie und wurde Lehrer an der K.A.S. [King Alfred School]." [NEILL 1972, S.139 (Hinzufügung von mir)]

Die King Alfred School, eine koedukative Reformschule im Londoner Stadtteil Hampstead [vgl. hierzu SKIDELSKY 1969, S.116], wurde von John Russell geleitet. "Er war Gott, ein liebenswerter, alter Gott, aber eben doch ein Gott - und ein Moralist von großer Kraft und Stärke." [NEILL 1972, S.140; vgl. auch ebd., S.325; sowie NEILL in: Id-Magazine No.11/1963, S.20] Als Neill im Dezember 1918 Lehrer an Russells Schule wurde, bemühte er sich, die Freiheiten, die ihm eine private Schule bot, gründlich auszuschöpfen. Er engagierte sich in der Theaterarbeit [vgl. HEMMINGS 1972, S.14] und nutzte die Schul-Werkstatt im Unterricht [vgl. CROALL 1983b, S.88]. Sein bedeutsamstes Experiment war die Einführung des self-government nach Homer Lanes Vorbild in seiner Klasse. "Ich klagte darüber, daß die Schule nicht mit der Zeit ginge. Man müsse die 'Selbstverwaltung' einführen. Der liebe alte J.R. breitete die Hände aus und sagte mit seinem üblichen Lächeln: 'Nur zu, Neill, Versuchen Sie's! Versuchen Sie's!'" [NEILL 1972, S.141; vgl. auch NEILL in: Id-Magazine Okt./1961, S.3f] Die Selbstverwaltung scheiterte schließlich. Die Kinder betrieben sie ausschließlich in den Stunden, in denen sie bei Neill Unterricht hatten. "Und natürlich sahen sie in der 'Selbstverwaltung' eine Möglichkeit, eine Stunde lang in meiner Klasse Dampf abzulassen." [NEILL 1972, S.141] Gleichwohl muß es die eine oder andere Sitzung gegeben haben, in der die Selbstverwaltung in Neills Augen zu Ergebnissen geführt hat. Er schildert eine Episode:

One day a class was holding a self-government meeting, and they sent for me. I was annoyed because I was having my after-dinner smoke in the staff-room. However I went up. "Hullo!" I said as I entered, "what do you want?" Eglantine the chairman said: "A member of this class has insulted you." "Impossible!" I cried.

Then Mary got up. "I did," she blurted out nervously; "I said you were just a silly ass." "That's all right!" I said cheerfully, "I am," and I made for the door. Then the class got excited.

"Aren't you going to do anything?" asked Ian in surprise. "Good Lord, no!" I cried. "Why should I?" "You're on the staff," said Ian. "Look here," I said impatiently, "I hereby authorise the crowd of you to call me any name you like."

[NEILL 1921b, S.385]



Die übrige Lehrerschaft protestierte, als Neill seinen Schülern auch noch zugestand, sich in ihren Selbstverwaltungssitzungen über die einzelnen Lehrer und Lehrerinnen zu ereifern [vgl. NEILL 1921b, S.385ff], und schließlich sagte John Russell zu ihm: "Einer von uns beiden muß gehen, Neill." [NEILL 1972, S.141; vgl. auch NEILL in: Id-Magazine Okt./1961, S.4] Neill ging. Jahre später formulierte Neill seine Lehre aus dieser Erfahrung: "You can have true self government only when living in a community all the time." [NEILL in: TES 14.02.1964]

& The Booming of Bunkie 1919

1919 erschien Neills drittes Buch The Booming of Bunkie. Er schrieb darüber: "Ein Buch voller fauler Witze, in manchen Partien ganz gut. Die Dorfkapelle konnte nur eine Melodie spielen, und da die Musikanten sie stehend spielten, wußten die Einheimischen, daß es die Nationalhymne war." [NEILL 1972, S.213] Es erzählt die Geschichte von Peter MacMunn, der zufällig nach Bunkie, einem schottischen Küstenort, kommt (das Vorbild war Lunan Bay westlich von Neills Geburtsort Forfar [vgl. NEILL in: CROALL 1983a, S.151]), den er im Laufe der Handlung durch "moderne" Öffentlichkeitsarbeit in einen populären Ferienort verwandelt. Er verliebt sich in Evelyn, die Tochter eines Gutsbesitzers, und es gibt ein Happy-End. 1964 plante der Vater eines Kindes an Neills Schule, das Buch als Stoff für ein Musical zu verwenden, er kam jedoch bald darauf bei einem Verkehrsunfall ums Leben [vgl. NEILL 1972, S.213; vgl. auch CROALL 1983a, S.150], und der Plan wurde nicht verwirklicht.

Während seiner Zeit als Lehrer an der King Alfred School hatte Neill Lilian Neustätter, die Mutter eines Schülers, kennengelernt [vgl. NEILL 1972, S.271]. Sie war eine mit Dr. Otto Neustätter, einem Deutschen, verheiratete Australierin, die sich bei Kriegsausbruch in England aufhielt und - auch aufgrund ihrer Sympathien für die englische Seite - nicht nach Deutschland und zu ihrem Ehemann zurückkehrte. Ihr Sohn ging in Neills Klasse, und es gehörte zum Konzept der Schule, daß die Lehrer die Eltern der Kinder gelegentlich besuchten. Zusammen mit Lilian Neustätter entwarf Neill bei diesen Besuchen eine Schulutopie, deren praktischen Elemente Lilian Neustätters Beitrag waren. Hauswirtschaftliche und organisatorische Aspekte waren Neill stets fremd. Nach Kriegsende kehrte Lilian Neustätter jedoch zurück zu ihrem Mann, der damals im Dresdener Hygienemuseum arbeitete[vgl. KAMP-Manuskriptkorrektur 1995, S.312 vgl. dagegen: CROALL 1983b, S.109ff].



Fußnoten:

[7] Dort gab er an, aufgrund seiner unkonventionellen Lehrmethoden von seinem Amt suspendiert worden zu sein.



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